Wir stehen in der Tradition des Europas der Résistance

Befreiung von Toulouse |
"Man darf die Nazibarbarei nicht mit Deutschland gleich setzen. Man
muss Börne, Büchner, Heine in Frankreich lesen, um zwischen dem
unsterblichen Deutschland und seinen Herren für einen Tag unterscheiden
zu können. Und vor allem, man muss die Namen von heute nennen, die
Hoffnung und Hymne der Zukunft bedeuten: Thomas Mann, Bert Brecht, Heinrich
Mann, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Willi Bredel, Emil Ludwig, Egon Erwin
Kisch, Erich-Maria Remarque, Ludwig Renn, Franz Werfel, Musil. ... In ihren
glühenden Worten, ihrem Talent, ihrem Zorn findet man das große,
geknebelte Volk wieder. Alles, was wirklich französisch in Frankreich
ist, müsste dieses Deutschland des Exils kennen, lieben und
verteidigen."
Diese Worte schrieb die junge Denise Bardet aus Oradour in ihr Tagebuch. Am
10. Juni 1944 vernichtet die SS-Division "Das Reich" das kleine
französische Dorf. Die Männer, Frauen und Kinder, Greise und Kranke
wurden auf den Markt zusammen getrieben. Wenige Stunden später sind 642
Menschen tot. Sie wurden erschossen oder bei lebendigem Leibe verbrannt. Auch
die 24-jährige Lehrerin Denise Bardet wurde mit ihrer Klasse in der
kleinen Kirche des Ortes ermordet.
Eindringlicher als mit den Worten der jungen französischen Lehrerin
kann man kaum den Unterschied zwischen dem von den Faschisten besetzen Europa
und dem Europa des antifaschistischen Widerstands, des Exils und der
Résistance beschreiben.
Gerhard Leo war einer von denen, der sich nach dem Exil seiner Familie
nach Frankreich der Résistance anschloss und unter Einsatz seines Lebens
brüderlich an der Seite der französischen Widerstandskämpfer
gegen die Nazi-Okkupanten kämpfte. Durch Dekret des Präsidenten der
Französischen Republik vom 26. Januar 2004 wurde er dafür zum
Chevalier de la Legion d'Honneur (Ritter der Ehrenlegion) ernannt.
Sein Mitstreiter in der Résistance, Peter Gingold, hat die
Stimmung unter den Verteidigern eines antifaschistischen Europa kürzlich so
geschildert:
"Es war die Situation nach Stalingrad. Was hat es uns an
Hoffnung und Kraft gegeben! ... Die Gewissheit nun: mit dem Aufstand, der
Befreiung ging es voran! Mit der Eröffnung der zweiten Front, der Landung
der Alliierten in der Normandie ging es dem entgegen. Der Befreiungskampf
erfasste alle von den Hitlerarmeen eroberten Länder. Schließlich
gehörten der Résistance in ganz Europa Millionen
Freiheitskämpfer an, die im Verlauf des Krieges zu einer mächtigen
Kraft wurden und eine große Bedeutung für die Antihitlerkoalition
hatten, indem sie ihre Front verbreiterten und stabilisierten. Es war das
Europa der Résistance, wie es «Le Combat», die illegale
Zeitung der französischen Résistance, im Dezember 1943 beschrieben
hat: «Vom Nordkap bis zur Pyrenäengrenze, von der Kanalküste
bis zum Ägäischen Meer stehen Millionen Menschen, wie verschieden
ihre Sitten und ihre Sprache auch sein mögen, in dem selben Kampf gegen
denselben Feind, im Kampf der Freiheit gegen die Sklaverei, der Gerechtigkeit
gegen das Unrecht, des Rechts gegen Gewalt. Wir sind Zeugen eines Wunders, das
aus Blut und Tränen hervorgegangen ist. Es ist das Wunder des
Widerstandes.»

Befreiung von Berlin |
Zu ihm gehörte ebenbürtig der antifaschistische deutsche
Widerstand. Der direkte militärische Beitrag der Résistance zur
Zerschmetterung der Wehrmacht des deutschen Faschismus war enorm. Über
eine Million Soldaten und Offiziere der faschistischen Armeen sind außer
Gefecht gesetzt worden. 25.000 Militärzüge wurden zum Entgleisen
gebracht oder in die Luft gesprengt. Sie zerstörten ein nicht zu
übersehendes Militärpotential. ... «Die französische
Resistance hat mir 20 Divisionen erspart», erklärte später
General Eisenhower, Kommandeur der alliierten Streitkräfte der Zweiten
Front im Westen. ... In 17 Ländern entfaltete sich die
Befreiungsbewegung. An allen haben auch Deutsche teilgenommen, ihr
größter Anteil wohl in der französischen Résistance, in
der der Internationalismus lebte. In ihr kämpften Polen,
Österreicher, Tschechoslowaken, Spanier, Italiener, Ungarn, Armenier,
Rumänen, Jugoslawen, Russen. ... Wie wäre die gesamte
Nachkriegsgeschichte anders verlaufen, wenn der Krieg mit eigner Kraft beendet
worden wäre! Das mussten die anderen Völker herbeiführen, das
sowjetische Volk hat es allein mit dem Opfer von 25 Millionen seiner Menschen
bezahlt."
Weil wir in der Tradition des Europas der Résistance stehen, kann uns
die Diskussion um die verfassungsmäßige Gestaltung des
künftigen Europa nicht gleichgültig sein. Der
ver.di-Bezirksvorstand hat dazu im letzten Jahr folgendes beschlossen:
Wir, der Vorstand des ver.di-Bezirks Mittelbaden-Nordschwarzwald,
begrüßen ein weiteres Zusammenwachsen Europas, befürworten die
Deklaration von Rechten in einer Verfassung für Europa - aber nicht so!
Deshalb sind wir gegen diesen Entwurf!
WENN
- ohne viel Aufsehens und öffentliche Diskussion die Verpflichtung zur
Steigerung der militärischen Potenz aller EU-Länder Verfassungsrang
bekommt,
- an die erste Stelle - im Grundgesetz findet sich hier die Würde des
Menschen und seine körperlichen Unversehrtheit - das Recht auf freien
Kapitalverkehr tritt,
- jede Sozialbindung negiert wird, und der Anspruch auf demokratische
Mitsprache am Arbeitsplatz kein Gedanke mehr ist,
- stattdessen als neues Grundrecht die unternehmerische Freiheit
eingeführt wird, ohne die Sozialpflichtigkeit des Eigentums zu
erwähnen,
- das Friedensgebot und die Beschränkung des Militärs auf
Verteidigung, verankert im Grundgesetz, in das Gegenteil verkehrt werden
und
- der Ministerrat und der Außenminister der Union, sowie ein
Politisches und Sicherheitspolitisches Komitee über Krieg und Frieden
entscheiden,
DANN sind das so erhebliche Veränderungen unserer Demokratie,
dass wir ein Mitspracherecht einfordern.
Artikel 20 unseres Grundgesetzes legt fest: Alle Macht geht vom Volke aus.
Sie wird vom Volk in Wahlen und Abstimmungen ausgeübt. Wir sind das
Volk!
Die EU-Verfassung ist eine ausführliche Diskussion der gesamten
Bevölkerung wert. Daher unterstützen wir die Forderung nach einer
Volksabstimmung über diese neue Verfassung.
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