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Arno Neuber für das Karlsruher Friedensbündnis:
Ein Jahr nach dem 11.9.2001 -
Kundgebung des Karlsruher Friedensbündnisses
Der 11. September - das war für mich auch schon vor den Anschlägen
des vergangenen Jahres kein Tag wie jeder andere.
Der 11. September - das war für mich bislang der Tag des
Militärputsches in Chile. Es war der 11. September 1973 in Santiago. Die
gewaltsame Beseitigung der demokratisch gewählten Volksfront-Regierung mit
Unterstützung der USA und ihrer Geheimdienste. Die Ermordung des
Präsidenten Salvador Allende, des Sängers Victor Jara und tausender
Gewerkschafter, Sozialisten, Kommunisten, linken Demokraten. Die Errichtung der
Diktatur der Mumien unter Augusto Pinochet und der Jubel ihrer
Unterstützer in den USA und auch hierzulande.
Jetzt ist der 11. September auch der Tag der monströsen
Terroranschläge auf die Türme des World Trade Center in New York, bei
denen fast 3.000 Menschen ermordet, ausgelöscht wurden.
Am 12. September 2001 haben wir uns hier auf diesem Platz versammelt. Auf
unseren Plakaten stand "Wir trauern um die Opfer. Wir mahnen zum
Frieden." Seither waren wir jede Woche hier. Und wir erneuern das, was wir
bereits vor einem Jahr gesagt haben:
Unsere Solidarität, unser Mitgefühl gehört den Menschen, die bei
den Terroranschlägen Freunde, Kollegen, Verwandte verloren haben. Die
Täter müssen gefunden und bestraft werden. Zum Krieg gegen
Unschuldige sagen wir ein klares Nein!
Was wir vor einem Jahr befürchtet hatten und wovor wir mit unzähligen
Menschen in der Welt - und gerade auch mit unzähligen Menschen in den USA
selber - gewarnt hatten, wurde schon bald Realität: Die Führung der
USA erklärte die Terroranschläge zum Krieg und antwortete ihrerseits
mit Krieg.
Aber Krieg gegen wen? Osama Bin Laden, dem diese Anschläge zugeschrieben
werden, ist nicht gefasst und scheint weniger greifbar denn je. Anscheinend
spielt seine Ergreifung auch überhaupt keine Rolle mehr, warum sonst
findet die größte Militärmacht der Welt, die jeden Fleck der
Erde mit Satelliten überwacht, Funk und Telefonverkehr abhört,
Milliarden in die Geheimdienste pumpt - nicht die geringste Spur von ihm?
Die Bush-Führung hat das weltweite Entsetzen über die Anschläge
und die weltweiten Gefühle der Solidarität mit den Opfern genutzt
für ihren Krieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan. Ein Krieg, der
längst vor dem 11. September geplant war - ein Regime, das einst mit
Washingtoner Segen als Garant der Stabilität und Wächter über
geplante Öl-Pipelines an die Macht kam.
Inzwischen ist das Staunen über den schnellen militärischen Erfolg in
Afghanistan Ernüchterung gewichen. Zwar wurden die Taliban von der Macht
vertrieben und eine Regierung von US-Gnaden installiert, aber überall im
Lande herrschen die alten Warlords, die schon in der Vergangenheit die
Bevölkerung terrorisierten und bei ihren internen Streitigkeiten ganze
Städte in Schutt und Asche legten. Und sie herrschen nun mit neuen Waffen
und neuem Geld aus Amerika, Russland und Iran bestens ausgestattet. Mit diesen
Waffen und diesem Geld sind sie gerade dabei, einen neuen Bürgerkrieg zu
inszenieren.
Die Menschen in Afghanistan mussten für den sogenannten Antiterror-Krieg
bislang einen hohen Preis bezahlen - und sie zahlen ihn weiterhin. Von 5.000
Opfern der Bombenangriffe wird mittlerweile berichtet.
Die US-Führung hat sich nicht damit aufgehalten, über die Ursachen
des terrors nachzudenklen. Sie hat sich nicht die Mühe gemacht, den Kampf
gegen den Terror mit den Mitteln des Rechts zu führen. Es gibt keine
Anklage gegen die mutmaßlichen Attentäter und es gibt kein
völkerrechtlich abgesichertes internationales Vorgehen gegen die
Terrornetzwerke. Stattdessen nimmt sich die US-Regierung das Recht, jede nicht
genehme Regierung zum Terrorunterstützer zu erklären, präventive
Angriffskriege zu führen, Regierungen zu stürzen und passende zu
installieren - ganz nach eigenen Interessen und alles im Namen der Verteidigung
westlicher Werte.
"Wer nicht mit uns ist - ist mit den Terroristen", lautet das
fundamentalistische Credo der Bush-Krieger. Sie haben Irak, Iran und Nordkorea
zur "Achse des Bösen" erklärt und sie sind dabei, den
nächsten Golf-Krieg loszutreten.
Die US-Regierung hat in den letzten Monaten praktisch das gesamte System
internationaler Rüstungskontroll-, Rüstungsbegrenzungs- und
Abrüstungsverträge zum Einsturz gebracht. Der ABM-Vertrag wurde
gekündigt, die Vereinbarung eines wirksamen Kontrollmechanismus gegen
biologische Waffen verhindert, mit der Entwicklung neuer Milzbrandkulturen das
Verbot biologischer Waffen verletzt. Sie beschneidet den gültigen
Kontrollmechanismus der Chemiewaffenkonvention, kündigt die Entwicklung
neuer Atomwaffen und den Ausstieg aus dem Atomteststopp an. Sie hat den
bisherigen Teilstreitkräften der US-Armee ein Weltraum-Kommando
hinzugefügt und droht mit dem Ersteinsatz von Atomwaffen, wenn sie mit
konventionellen Waffen nicht zum Ziel kommt. Sie droht im Falle einer Anklage
gegen US-Militärs vor dem Internationalen Gerichtshof, den sie nicht
anerkennt, mit einer Militärintervention. Und sie pumpt - damit niemand
das für leere Drohungen halten möge - bald 400 Milliarden Dollar
jährlich in die Rüstung, rund 40 Prozent aller Militärausgaben
auf der Welt.
Es ist klar, dass eine solche Politik nicht das Mindeste mit dem Kampf gegen
den Terror zu tun. Sie bedient sich selber der Mittel des Terrors.
Die fürchterlichste Terrorwaffe, die die Menschheit kennt, heißt
Krieg. Die Bush-Regierung treibt mit aller Macht zum Krieg gegen den Irak und
der britische Premierminister sekundiert ihm dabei. Von tausenden und
zehntausenden eigenen Toten ist in amerikanischen Kriegsszenarien die Rede,
tote Iraker interessieren dabei nicht.
Blair ist nach eigenem Kriegsgeschrei zu einem "Blutopfer" bereit.
Was soll das heißen, Mr. Blair? Wollen Sie ihr eigenes Blut opfern, das
ihrer Familie oder lediglich das ihrer Untertanen?
Halten wir noch einmal fest:
- Eine Verbindung zwischen Irak und Bin Laden gibt es nicht. In einem
Pressebericht von gestern (FR 10.9.02), der sich auf BND-Informationen bezieht
wurde eine solche Connection als "Wunschdenken der US-Politik"
bezeichnet.
- Tony Blair hat Beweise für ein Atomwaffenprogramm des Irak
angekündigt. Was das NATO-nahe Londoner Internationale Institut für
Strategische Studien vorgestern wie auf Bestellung präsentierte ist das
genaue Gegenteil eines Beweises. Danach besitzt Irak "nicht die
Fähigkeit, spaltbares Material in ausreichenden Mengen für Atomwaffen
zu produzieren" und würde "mindestens einige Jahre sowie
weitreichende ausländische Hilfe benötigen, um
Produktionsstätten für spaltbares Material zu errichten". Die
Wahrscheinlichkeit, dass es gelingen könnte, solches Material
international zu beschaffen wird als gering eingeschätzt.
Dass sich Saddam Hussein zum "Lieblingsschurken der USA" entwickelt
hat, hängt auch nicht mit der Verletzung von Menschenrechten und
mangelnder Demokratie im Irak zusammen. Schließlich hatte das
Hussein-Regime im Krieg gegen den Iran die Unterstützung der USA. Auch am
Giftgaseinsatz gegen die kurdische Bevölkerung störte sich die USA
nicht.
Die verschiedenen US-Regierungen hatten noch nie etwas gegen Despoten und
Diktatoren - wenn sie nur im Interesse der USA funktionierten. Und immer wenn
solche Regime aus dem Ruder liefen, wurden sie mit Geheimdienstoperationen oder
Militäraktion aus dem Amt befördert.
Die Bush-Administration, alles Männer und Frauen aus dem
Öl-Business,hat den Antiterror-Krieg genutzt, um den USA
Militär-Stützpunkte in Afghanistan und in den ölreichen Regionen
am Kaspischen Meer und am Golf zu sichern. Offenbar sehen sie jetzt die Zeit
gekommen, die gesamte Nahost-Region strategisch neu zu ordnen und sich einen
direkten Zugriff auf das irakische Öl zu verschaffen. Auch die
innenpolitischen Probleme und der Versuch, die weltweite Dominanz der USA
weiter zu festigen, dürften kriegsfördernde Motive sein.
Die Bundesregierung hat sechs Wochen vor der Wahl einen Schwenk in ihrer
Position vollzogen. Noch im Mai, beim Bush-Besuch in Berlin, wurde die
"uneingeschränkte Solidarität" mit den USA beschworen und
Bush`s Kriegsrede als große staatsmännische Leistung bejubelt.
Selbst der PDS-Fraktionsvorsitzende entschuldigte sich bei Bush, für ein
Friedens-Transparent, das drei seiner Abgeordneten hochgehalten hatten.
Bundeskanzler Schröder hat jetzt wiederholt erklärt, dass Deutschland
sich an einem Krieg gegen den Irak nicht beteiligen wird, weder mit eigenen
Soldaten, noch mit finanzieller Unterstützung. Verteidigungsminister
Struck hat angekündigt, deutsche Soldaten und Spürpanzer aus Kuwait
abzuziehen, wenn sie Gefahr liefen, in einen Krieg verwickelt zu werden.
Wir möchten dem Frieden gerne trauen. Aber wir haben auch unsere
Erfahrungen. Schließlich hat sich dieser Kanzler die
"Enttabuisierung des Militärischen" als Verdienst seiner
Amtszeit ans Revers geheftet. Schließlich hat diese Regierung mit Macht
den Umbau der Bundeswehr zur weltweiten Interventionstruppe vorangetrieben und
treibt ihn weiter voran. Schließlich haben sich 1999 deutsche Soldaten an
einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien beteiligt. Und
schließlich stehen heute 10.000 Bundeswehrsoldaten in weltweiten
Einsätzen auf dem Balkan und in Afghanistan, in Zentralsien und in
Ostafrika.
Die übergroße Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung lehnt
eine Beteiligung an einem Krieg gegen den Irak ab. Bundespräsident Thierse
hat Recht mit seinem Hinweis auf das Grundgesetz. Dort ist das Verbot eines
Angriffskrieges verankert. Wer sich an einem solchen Krieg beteiligt, Kanzler
oder General, Soldat oder Zivilist hat mit strafrechtlichen Konsequenzen zu
rechnen.
Deshalb fordern wir jetzt sofort Taten:
- Die Soldaten und Panzer in Kuwait, die Marineeinheiten in der Kriegsregion,
im Golf und vor Ostafrika, müssen sofort abgezogen werden.
- Den USA muss die Nutzung der militärischen Infrastruktureinrichtungen
in der Bundesrepublik verweigert werden.
- Die Bundesregierung muss darauf drängen, dass der
NATO-Verteidigungsfall, der letzten Herbst ausgerufen wurde, beendet wird.
- Das Mandat, das der Bundestag im vergangenen Herbst - nach Erpressung mit
der Vertrauensfrage - für den zwölfmonatigen Einsatz der Bundeswehr
im Antiterrorkrieg erteilt hat, darf nicht verlängert werden.
Wir müssen jetzt den Druck auf die Regierenden erhöhen. Die Haltung
der Bundesregierung ist von großer Bedeutung und hat seine Wirkung auf
die USA. Es geht auch um die Stärkung der Antikriegskräfte in den USA
und in Großbritannien.
Wir rufen euch auf:
- Beteiligt euch an der Großdemonstration von attac,
Gewerkschaftsjugend und Friedensbewegung am Samstag (14. September) in
Köln. Aus Karlsruhe fahren Busse um 7:15 Uhr ab Hauptbahnhof.
- Beteiligt euch an den Mahnwachen, die weiterhin (und das seit dem
12.09.01!) jeden Samstag von 14 bis 15 Uhr hier stattfinden.
- Sammelt weiterhin Unterschriften gegen den Irak-Krieg. Nehmt die
Unterschriftenlisten, Flugblätter und die Zeitung gegen den Krieg auch in
Wahlveranstaltungen, in Vereine, Kneipen und Jugendzentren mit.
- Konfrontiert die Wahlkämpfer mit dem Nein zum Krieg und unseren
konkreten Forderungen.
- Unterschreibt bitte auch auf unserem Transparent "X-tausend mal Nein
zum Irak-Krieg".
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