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Ex-Präsident Jimmy Carter:
"Die USA wandeln sich zum Unrechtsstaat"
Auszug
Über das Unrecht in den Ländern, die uns beim Kampf um den
Terrorismus unterstützten, haben wir hinweg gesehen. Bei uns im eigenen
Land wurden amerikanische Bürger als Feinde inhaftiert, ohne Anschuldigung
und ohne juristischen Beistand. Trotz aller Kritik der Bundesgerichte
verweigert sich das Justizministerium diesem Problem. Und mit Blick auf die
Gefangenen in Guantanamo erklärt der Verteidigungsminister, dass sie
selbst dann nicht freigelassen werden würden, wenn sich ihre Unschuld
erwiesen hat. All das passt zu Unrechtsstaaten, die von amerikanischen
Präsidenten in der Vergangenheit immer verurteilt wurden. [...]
Wie aber die Verbündeten und auch verantwortliche Politiker früherer
Administrationen immer wieder betont haben, gibt es gegenwärtig keine
Bedrohung der Vereinigten Staaten durch Bagdad.
Angesichts intensiver Überwachung und einer überwältigenden
militärischen Übermacht der USA wäre jede kriegerische Handlung
von Saddam ein Akt des Selbstmords. So unwahrscheinlich es ist, dass Saddam
Nachbarstaaten attackiert, Nuklearwaffen testet, mit dem Einsatz von
Massenvernichtungswaffen droht oder sie Terroristen zur Verfügung zu
stellt, so sehr ist es doch möglich, dass - im Falle eines amerikanischen
Angriffs auf den Irak - diese Waffen gegen Israel oder gegen unsere Truppen als
Reaktion eingesetzt werden.
Wir können die Entwicklung von ABC-Waffen nicht ignorieren, aber
ein einseitiger Krieg gegen den Irak ist nicht die Antwort. Unbehinderte
Inspektionen im Irak sind dringend. Aber genau das ist offenkundig gar nicht
gewollt, wie insbesondere der Vizepräsident mehrfach angedeutet
hat.
Übersetzung aus der Washington Post von Hans Thie
in "Freitag" 39, 20.9.2002
Hier der Originaltext und seine Übersetzung:
The Troubling New Face of America
By Jimmy Carter
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Das neue beängstigende Gesicht Amerikas
Übersetzung von Hans Thie
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Fundamental changes are taking place in the historical policies of the
United States with regard to human rights, our role in the community of nations
and the Middle East peace process - largely without definitive debates (except,
at times, within the administration). Some new approaches have understandably
evolved from quick and well-advised reactions by President Bush to the tragedy
of Sept. 11, but others seem to be developing from a core group of
conservatives who are trying to realize long-pent-up ambitions under the cover
of the proclaimed war against terrorism.
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Die Politik der Vereinigten Staaten erlebt gegenwärtig fundamentale
Veränderungen - in der Frage der Menschenrechte, in unserer Rolle
gegenüber den anderen Nationen dieser Welt und im Friedensprozess des
Nahen Ostens. All das passiert ohne große Debatten - außer,
bisweilen, innerhalb der Administration. Nach der Tragödie des 11.
September musste der Präsident reagieren, und er hat das zunächst
auch schnell und vernünftig getan. Aber mittlerweile versucht eine Gruppe
von Konservativen, lang gehegte Ambitionen unter dem Deckmantel des Krieges
gegen den Terrorismus zu verfolgen.
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Formerly admired almost universally as the preeminent champion of human rights,
our country has become the foremost target of respected international
organizations concerned about these basic principles of democratic life. We
have ignored or condoned abuses in nations that support our anti-terrorism
effort, while detaining American citizens as "enemy combatants,"
incarcerating them secretly and indefinitely without their being charged with
any crime or having the right to legal counsel. This policy has been condemned
by the federal courts, but the Justice Department seems adamant, and the issue
is still in doubt. Several hundred captured Taliban soldiers remain imprisoned
at Guantanamo Bay under the same circumstances, with the defense secretary
declaring that they would not be released even if they were someday tried and
found to be innocent. These actions are similar to those of abusive regimes
that historically have been condemned by American presidents.
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Früher von den meisten Ländern als Champion der Menschenrechte
bewundert, beargwöhnen respektable internationale Organisationen nun, ob
unser Land noch zu den Grundprinzipien des demokratischen Lebens steht.
Über das Unrecht in den Ländern, die uns beim Kampf um den
Terrorismus unterstützten, haben wir hinweg gesehen. Bei uns im eigenen
Land wurden amerikanische Bürger als Feinde inhaftiert, ohne Anschuldigung
und ohne juristischen Beistand. Trotz aller Kritik der Bundesgerichte
verweigert sich das Justizministerium diesem Problem. Und mit Blick auf die
Gefangenen in Guantanamo erklärt der Verteidigungsminister, dass sie
selbst dann nicht freigelassen werden würden, wenn sich ihre Unschuld
erwiesen hat. All das passt zu Unrechtsstaaten, die von amerikanischen
Präsidenten in der Vergangenheit immer verurteilt wurden.
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While the president has reserved judgment, the American people are inundated
almost daily with claims from the vice president and other top officials that
we face a devastating threat from Iraq's weapons of mass destruction, and
with pledges to remove Saddam Hussein from office, with or without support from
any allies. As has been emphasized vigorously by foreign allies and by
responsible leaders of former administrations and incumbent officeholders,
there is no current danger to the United States from Baghdad. In the face of
intense monitoring and overwhelming American military superiority, any
belligerent move by Hussein against a neighbor, even the smallest nuclear test
(necessary before weapons construction), a tangible threat to use a weapon of
mass destruction, or sharing this technology with terrorist organizations would
be suicidal. But it is quite possible that such weapons would be used against
Israel or our forces in response to an American attack.
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Während der Präsident sich noch nicht abschließend
geäußert hat, wird das amerikanische Volk fast täglich vom
Vizepräsidenten und anderen hohen Regierungsvertretern damit konfrontiert,
dass die Massenvernichtungswaffen des Irak eine tödliche Bedrohung
darstellen und Saddam Hussein aus dem Amt gejagt werden muss, ob mit oder ohne
Unterstützung der Verbündeten.
Wie aber die Verbündeten und auch
verantwortliche Politiker früherer Administrationen immer wieder betont
haben, gibt es gegenwärtig keine Bedrohung der Vereinigten Staaten durch
Bagdad.
Angesichts intensiver Überwachung und einer überwältigenden
militärischen Übermacht der USA wäre jede kriegerische Handlung
von Saddam ein Akt des Selbstmords. So unwahrscheinlich es ist, dass Saddam
Nachbarstaaten attackiert, Nuklearwaffen testet, mit dem Einsatz von
Massenvernichtungswaffen droht oder sie Terroristen zur Verfügung zu
stellt, so sehr ist es doch möglich, dass - im Falle eines amerikanischen
Angriffs auf den Irak - diese Waffen gegen Israel oder gegen unsere Truppen als
Reaktion eingesetzt werden.
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We cannot ignore the development of chemical, biological or nuclear weapons,
but a unilateral war with Iraq is not the answer. There is an urgent need for
U.N. action to force unrestricted inspections in Iraq. But perhaps deliberately
so, this has become less likely as we alienate our necessary allies. Apparently
disagreeing with the president and secretary of state, in fact, the vice
president has now discounted this goal as a desirable option. We have thrown
down counterproductive gauntlets to the rest of the world, disavowing U.S.
commitments to laboriously negotiated international accords.
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Wir können die Entwicklung von ABC-Waffen
nicht ignorieren, aber ein einseitiger Krieg gegen den Irak ist nicht die
Antwort. Unbehinderte Inspektionen im Irak sind dringend. Aber genau das ist
offenkundig gar nicht gewollt, wie insbesondere der Vizepräsident mehrfach
angedeutet hat.
Wir haben unsere Missachtung der restlichen Welt auch gezeigt, indem wir aus
mühsam vereinbarten internationalen Abkommen ausgestiegen sind.
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Peremptory rejections of nuclear arms agreements, the biological weapons
convention, environmental protection, anti-torture proposals, and punishment of
war criminals have sometimes been combined with economic threats against those
who might disagree with us. These unilateral acts and assertions increasingly
isolate the United States from the very nations needed to join in combating
terrorism.
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Verträge über Rüstungskontrolle, Konventionen über
biologische Waffen, Umweltabkommen und Vereinbarungen, mit den die Folterung
und Bestrafung von Kriegsgefangenen verhindert werden soll - all das haben wir
nicht nur abgelehnt, sondern auch all jene bedroht, die an diesen Abkommen
festhalten. Diese ganze einseitige Politik isoliert die Vereinigten Staaten
immer mehr von den Nationen, die wir brauchen, um den Terrorismus zu
bekämpfen.
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Tragically, our government is abandoning any sponsorship of substantive
negotiations between Palestinians and Israelis. Our apparent policy is to
support almost every Israeli action in the occupied territories and to condemn
and isolate the Palestinians as blanket targets of our war on terrorism, while
Israeli settlements expand and Palestinian enclaves shrink.
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Tragisch ist auch, dass unsere Regierung substantielle Verhandlungen
zwischen Palästinensern und Israelis nicht länger aktiv
unterstützt. Offensichtlich besteht unsere gegenwärtige Politik
darin, jede Aktion der Israelis in den besetzten Gebieten zu
begrüßen und die Palästinenser zum Ziel unseres Krieges gegen
den Terrorismus zu erklären, während die Israelis ihre Siedlungen
ausdehnen und die palästinensischen Enklaven zusammenschrumpfen.
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There still seems to be a struggle within the administration over defining a
comprehensible Middle East policy. The president's clear commitments to
honor key U.N. resolutions and to support the establishment of a Palestinian
state have been substantially negated by statements of the defense secretary
that in his lifetime "there will be some sort of an entity that will be
established" and his reference to the "so-called occupation."
This indicates a radical departure from policies of every administration since
1967, always based on the withdrawal of Israel from occupied territories and a
genuine peace between Israelis and their neighbors.
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Innerhalb der Administration scheint es eine Auseinandersetzung über
eine schlüssige Nahostpolitik zu geben. Die klaren Positionen des
Präsidenten, wichtige UN-Resolutionen nach wie vor zu unterstützen
und einem palästinensischen Staat nicht im Wege zu stehen, sind vom
Verteidigungsminister negiert worden, der von den "sogenannten besetzten
Gebieten" spricht, in denen sich "irgendetwas schon etablieren
werde". Solche Stellungnahmen von Rumsfeld sind eine radikale Abkehr von
der amerikanischen Politik, die seit 1967 immer den Rückzug Israels aus
den besetzten Gebieten und einen wirklichen Frieden zwischen Israel und seinen
Nachbarn forderte.
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Belligerent and divisive voices now seem to be dominant in Washington, but they
do not yet reflect final decisions of the president, Congress or the courts. It
is crucial that the historical and well-founded American commitments prevail:
to peace, justice, human rights, the environment and international
cooperation.
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Stimmen des Krieges und der Spaltung scheinen Washington zu dominieren, aber
bislang haben weder der Präsident noch der Kongress oder die
Bundesgerichte abschließende Entscheidungen getroffen. Die historischen
und wohl begründeten Verpflichtungen Amerikas müssen die Oberhand
gewinnen: Für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Umwelt und
internationale Kooperation.
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The Washington Post
September 5, 2002
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"Freitag" Nr. 39
20. September 2002
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20.9.2002
» Originaltext und Übersetzung
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