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Arno Neuber
Blick durch den Feldstecher
Zum außenpolitischen Teil des "rot-grünen"
Koalitionsvertrages
Die neue Bundesregierung möchte den Umbau der Bundeswehr zur
Interventionsarmee "fortsetzen und wo erforderlich konsequent
weiterentwickeln." Nicht mehr die von der Verfassung vorgesehene
Verteidigungsarmee, sondern die "Armee im Einsatz", die über
"moderne, gut ausgerüstete und schnell verfügbare
Einsatzkräfte" verfügt, ist das Leitbild von SPD und Grünen
in ihrem Koalitionsvertrag für die nächste Legislaturperiode.
"Der Frauenanteil in der Bundeswehr und in Friedenseinsätzen soll
schrittweise erhöht werden" verspricht das Papier den Militärs,
die sich um den Nachwuchs in der Truppe sorgen.
Ob die Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK), die in Afghanistan
operieren, nach der Devise handeln "Gefangene werden nicht gemacht"
oder ob sie vielmehr mutmaßliche Taliban und Al Qaeda-Angehörige an
die USA ausliefern, die sie völkerrechtswidrig in Guantanamo einpferchen,
darüber braucht sich die deutsche Öffentlichkeit nun keine Gedanken
mehr zu machen, denn im Koalitionsvertrag heißt es ja: "Die
parlamentarische Kontrolle von Spezialeinsätzen wird
gewährleistet." Na, denn!
Zwar spart das Papier nicht mit rot-grüner Polit-Lyrik - so wenn es
für eine "gerechte Globalisierung" und ein "System globaler
kooperativer Sicherheit" eintritt, das "allen Menschen
ermöglicht, friedlich, frei und ohne Not zu leben" - die darin
verpackte Botschaft ist dennoch eindeutige Prosa.
Der militärische Knüppel bleibt auch in Zukunft nicht im Sack, er
wird offen geschwungen. "Schwerpunkt des deutschen militärischen
Engagements ... bleibt der Balkan." Zusätzlich möchte man sich,
Deutschlands "Gewicht in Europa und der Atlantischen Allianz
entsprechend", weiterhin am sogenannten Antiterror-Krieg beteiligen. Die
Bundesregierung ist gar entschlossen, das deutsche Engagement "wo
erforderlich zu intensivieren". Außenminister Fischer hat bereits
dafür votiert, das am 15. November auslaufende Bundestagsmandat für
die Beteiligung der Bundeswehr an der Operation "Enduring Freedom" zu
verlängern. Und Scharping-Nachfolger Struck hat den USA eine Entlastung
ihrer Militärs in Afghanistan zugesagt, damit die US-Army sich auf den
Krieg gegen den Irak konzentrieren kann. Letzterer wird im Koalitionspapier mit
keinem Wort erwähnt. Die Bundesregierung lässt sich so alle Optionen
offen, auf den rollenden Panzerzug bei günstiger Gelegenheit noch
aufzuspringen.
Ende September hatte US-Kriegsminister Rumsfeld seine europäischen
Kollegen mit der Forderung nach einer NATO-Eingreiftruppe in die Enge
getrieben, die von den Europäern bezahlt und gestellt, aber von
US-Generälen kommandiert werden soll. Ein Frontalangriff auf die
militärischen Ambitionen der EUropäer, deren eigene
Interventionsstreitmacht ab dem kommenden Jahr einsatzfähig sein soll. Das
Koalitionspapier schweigt sich darüber aus und versucht weiter auf allen
Militär-Hochzeiten zu tanzen. Es plädiert einerseits dafür ,
"dass die NATO die notwendige Anpassung an das veränderte
sicherheitspolitische Umfeld konsequent fortsetzt", also für den
weiteren Umbau zum Interventionsbündnis, und gleichzeitig für eine
Tempobeschleunigung bei der EU-Militarisierung. Letzterem dient der Vorschlag,
sicherheitspolitische Entscheidungen der EU künftig nicht mehr einstimmig,
sondern "grundsätzlich mit qualifizierter Mehrheit" zu
treffen.
Die Bundesregierung propagiert nun das Ziel einer "Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsunion (ESVU)" mit gemeinsamer Rüstung
und integrierten Streitkräften. Für den Fall, dass die Regierungen in
London und Paris nicht bereit sein sollten (und nichts spricht dafür), auf
ihren ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zugunsten einer
europäischen Vertretung zu verzichten, will die Bundesregierung eine
deutsche Mitgliedschaft anstreben.
Wenn die Koalitionäre geografisch ihren Blick auf Südosteuropa
einschließlich dem Balkan, auf die Ukraine und das rohstoffreiche
Zentralasien richten, sollte niemand vergessen, dass dabei auch immer ein
Bundeswehr-Feldstecher benutzt wird.
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18.10.2002
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