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Arno Neuber
Nato-Expeditionskorps contra EU-Interventionstruppe
Die Frankfurter Rundschau nennt sie die Truppe, "die als erste auf
feindliches Gelände vorstößt" und die Frankfurter
Allgemeine am gleichen Tag (22.11.02) ein "Expeditions-Korps für
weltweite Kampfeinsätze". Die Rede ist von der sogenannten "Nato
Response Force (NRF)", die auf Vorschlag der USA als Speerspitze einer
global agierenden Nato operieren soll.
Ihr Aufbau soll so rasch erfolgen, dass die erste Stufe ihrer
Einsatzfähigkeit spätestens im Herbst 2004 erreicht wird. Bis 2006
soll dann die gesamte Truppe mit geplanten 21.000 Soldaten stehen. Geplant ist,
dass im Bedarfsfall ein Verband in Brigadestärke (mindestens 3.000
Soldaten) innerhalb von sieben Tagen abmarsch-, das heißt einmarschbereit
zur Verfügung der Herren in Washington und Brüssel steht. Für
Teile der Truppe soll es bereits nach zwei bis drei Tagen ins auserkorene
Kriegsgebiet gehen.
Im Vorfeld des Prager Gipfels war viel geredet und geschrieben worden über
eine Nato, die für die US-Führung jegliche Bedeutung verloren habe.
Waffentechnologisch weit hinter den USA zurückgeblieben und durch die
Aufnahme der "armen" östlichen Nachbarn aus dem ehemaligen
Warschauer Pakt mehr zu einem politischen Debattierclub als zu einem
schlagkräftigen Kriegsknüppel mutiert, sei die Stunde der
größten Nato-Ausdehnung gleichzeitig die Stunde ihrer
größten Sinnkrise.
Die Sicht der USA war das nie. Für die Führungsmannschaften in
Washington - und das gilt nicht nur für Rumsfeld, Cheney, Wolfowitz und
Co. - war und ist die Nato vor allem ein entscheidender Teil des "globalen
Ordnungssystems der USA" (Brzezinski), das den "Vereinigten Staaten
selbst in innereuropäischen Angelegenheiten eine wichtige Stimme"
verleiht. Für sie gilt und galt: Je größer die Nato-Ausdehnung
in Europa, desto größer der US-Einfluß auf dem alten
Kontinent.
Neben diesem hauptsächlichen Zweck gibt es den nicht unerheblichen
militärischen Nutzen. Der ist für die USA künftig dann optimal
gegeben, wenn die Nato nach Bedarf Bushs neue Kriege global unterstützt.
Dazu muss sie ihre bisherige vertragliche Beschränkung auf das
Bündnisgebiet endgültig über Bord werden. 1999, auf dem
Washingtoner Jubel-Gipfel zum 50. Gründungsjahr der Nato, hatte der Streit
über das Operationsgebiet des Militärpaktes zwischen Paris und
Washington noch mit einem Formelkompromiss geendet. Die Nato erklärte sich
damals vor allem für den euro-atlantischen Raum zuständig, eine
geografisch nicht gerade besonders präzise Eingrenzung. Zu Prag gab es nun
allerdings überhaupt kein Halten mehr. Insbesondere deshalb, weil im
Vorfeld des Gipfels die Nato-Europäer selbst auf eine weltweite
Einsetzbarkeit der Nato gedrängt hatten. Die Berliner Regierung
beispielsweise war nach dem 11. September ganz damit beschäftigt, die
Chance beim Schopf zu fassen und im Sinne einer "Neupositionierung
Deutschlands in der internationalen Staatengemeinschaft" (Schröder),
den USA Bundeswehreinheiten für ihren sogenannten
"Antiterrorkrieg" aufzudrängen. Man glaubte wohl auf diese Weise
verhindern zu können, dass die US-Führung sich künftig mehr auf
den Deal mit Putin oder eine "Koalition von Willigen" orientieren
könnte.
Weil die EU militärisch noch nicht im Alleingang handeln kann, bleibt sie
für eine längere Zeit auf die Nato angewiesen. Ohne Nutzung von
Nato-Infrastruktur und ihrer Hauptquartiere sind EU-Militäroperationen
derzeit noch nicht durchführbar. Eine Vereinbarung darüber mit der
Nato wird aber seit zwei Jahren von der Türkei sabotiert, die als
Nicht-EU-Mitglied bei deren militärischen Entscheidungen dennoch ein
vollständiges Mitspracherecht haben will. Dass sie dabei insgeheim die
Rückendeckung einer US-Führung hat, der (wie ihrer Vorgängerin)
die ganze EU-Militärpolitik gegen den Strich geht, darf durchaus
unterstellt werden.
War in der Vergangenheit die US-Dominanz in der Nato für Bonn kein
Problem, weil wesentliche Ziele des deutschen Imperialismus (die Einverleibung
der DDR und die Wiederaufrüstung) nur im Windschatten der USA zu erreichen
waren, galt in der Berliner Ära stets die Regel, nach Möglichkeit
eine Entscheidung zwischen Washington und Paris zu vermeiden. Man mühte
sich gleichzeitig um die Rolle des Nato-Musterknaben und versuchte die
Kommandohöhen in der künftigen EU-Militärunion zu besetzen. Mit
Bushs Kriegskurs und seiner Drohung an die Alliierten, dass künftig das
(Kriegs-)Ziel über die Koalition und nicht die Koalition über das
Ziel entscheidet, wird dieser Spagat immer schwieriger.
Die neue Nato-Eingreiftruppe kann den Berliner Herren nicht schmecken. Sie
funktioniert nach dem denkbar einfachen Prinzip, dass die Nato-Europäer
die Truppen und das Gerät stellen und die Einsätze bezahlen, die
Amerikaner aber das Kommando führen. Schnell machte daher auch das Wort
von "der Fremdenlegion des Pentagon" die Runde. Was nicht ganz die
Sache trifft, schließlich sollen die Nato-Legionäre ihre
Einsätze auch noch selber bezahlen.
Während Schröder den Part übernahm, die neue Eingreiftruppe zu
loben und ihr seinen politischen Segen zu geben - was als gewichtiger Beitrag
zur "Entgiftung" des Verhältnisses zu Washington gesehen wurde -
sind Fischer und Struck für die "Vorbehalte" zuständig.
Dabei wurden drei Punkte vorgebracht, die der deutschen Beteiligung an der
Nato-Truppe Grenzen ziehen sollen sollen: Die Finanznöte der
Bundesregierung, ein Einsatz nur nach einstimmigem Beschluss im Nato-Rat und
eine Zustimmung für die Beteiligung der Bundeswehr im Einsatzfall durch
den Bundestag. Letzteres ist allerdings makaber, wenn man weiß, dass
hinter den Bonner Kulissen bereits an einem Entsendegesetz oder einer anderen
Möglichkeit gearbeitet wird, künftig das Parlament bei Entscheidungen
über Bundeswehreinsätze weitgehend zu entmachten.
In der Gipfel-Erklärung von Prag ist eine Passage enthalten, die das
friedliche Nebeneinander von Nato- und EU-Eingreiftruppe beschwört, aber
durch ihre Formulierung eher das Gegenteil enthüllt: "Die Arbeiten zu
den Nato-Reaktionskräften und die entsprechende Arbeit im Rahmen des
Planziels der EU sollten sich gegenseitig stärken und der Autonomie beider
Organisationen Rechnung tragen." Sie sollten! Scharping Nachfolger Struck
sah sich jedenfalls bereits bei seiner Rede im Bundestag am 14.11.
genötigt, Klartext zu reden: "Wir werden kein
Konkurrenzverhältnis zulassen, das daraus erwächst, dass man dem
Motto 'Es gibt jetzt nur noch die Nato-Response-Force, die europäische
Sicherheits- und Verteidigungspolitik vergessen wir' folgt." Und im
Interview mit der Berliner Zeitung (21.11.02) erklärte er es für
"wichtig", dass "das Projekt der EU-Eingreiftruppe dabei nicht
gefährdet wird."
Berlin hat sich in den internen Vorbereitungszirkeln für den Prager Gipfel
unter US-amerikanischem Druck bereit erklärt, für die Nato-Truppe
Bundeswehr-Einheiten aus allen Waffengattungen zur Verfügung zu stellen.
Öffentlich wird der Eindruck erweckt, diese Truppenteile könnten
sowohl für Nato- als auch für EU-Einsätze zur Verfügung
stehen und so eine teure Doppelung vermieden werden. Tatsächlich dringt
die Nato-Führung offenbar aber auf die exclusive Abstellung von speziellen
Einheiten, die abwechselnd sechs Monate in Bereitschaft und danach in Reserve
gehalten werden sollen. Mit Allerweltssoldaten wird man sich nicht zufrieden
geben für eine "tödliche, technisch jeder denkbaren
Herausforderung gewachsene Kampfeinheit zum schnellen Eindringen in ein
feindliches Gebiet" (FR 22.11.02). Es müssen schon speziell
ausgebildete und ausgerüstete Eliteeinheiten sein, die der EU dann nicht
mehr für eigene Kriegseinsätze zur Verfügung stehen.
Eine detaillierte und kontrollierbare Aufrüstungsvereinbarung hat die
US-Führung zudem durchgedrückt. Das so genannte Prague Capabilities
Commitment (PCC). Danach müssen die europäischen Nato-Mitglieder so
schnell wie möglich (noch bevor der Militär-Airbus A400M gebaut ist)
ihre Lufttransportkapazitäten auf Vordermann bringen, elektronische
Führungs- und Spionagesysteme erneuern oder anschaffen und ihre Truppen in
die Lage versetzen, "Operationen über Zeit und Raum zu führen -
auch in einem potentiellen nuklearen, biologischen und chemischen
Bedrohungsumfeld", wie es in der Gipfel-Erklärung heißt.
Parallel dazu will die EU bis Mitte 2003 ihre Rapid Response Force (RRF) voll
einsatzfähig haben. Hier beklagen die Generäle einen Mangel an See-
und Lufttransportfähigkeiten, an Tankflugzeugen, Marschflugkörpern,
Spionagesatelliten und Flugzeugträgern.
Hatte Bundes-Kriegsminister Struck bisher auf Zeit gespielt und behauptet, die
Nato-Truppe würde gar kein Extra-Geld kosten, hat er jetzt in der
Haushaltsdebatte die Notbremse gezogen. Bei der Bundeswehr soll mit Hinweis auf
die Prager Beschlüsse nur noch das finanziert und beschafft werden, was
unmittelbar ihren Interventionstruppen zugute kommt. Selbst beim Sponsoring
für die Luft- und Raumfahrtindustrie (in der letzten Legislaturperiode
noch ausdrücklich im Koalitionsvertrag festgelegt) muss nun kürzer
getreten werden. Es sollen nur 60 statt 73 Militärtransporter bei der EADS
gekauft werden. Bei dieser Gelegenheit erklärte Struck auch gleich einen
Verfassungsartikel zum Altpapier, den seine Vorgänger Rühe und
Scharping bereits konsequent ignoriert hatten. Der Artikel 87a ("Der Bund
stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf") soll nach Strucks Willen
ruhig im Grundgesetz stehen bleiben, aber "Verteidigung müsse heute
anders verstanden werden, als es bei der Abfassung des Grundgesetzes der Fall
gewesen sei" (FAZ 6.12.02). Damals hatte man gerade einen Weltkrieg
verloren, musste militärisch erst einmal kleine Brötchen backen und
durfte die militaristische Klappe nicht zu weit aufreißen. Deshalb auch
stand von einer deutschen Armee überhaupt nichts im Text des Grundgesetz
von 1949. Der Artikel 87a wurde erst 1956 hineingefummelt, als man die
Wehrverfassung gegen den Widerstand einer mächtigen Antikriegsbewegung
regelrecht durchgeprügelt hatte. Aber solche Kleinigkeiten fechten einen
nicht an, der künftig Deutschland am "Hindukusch verteidigen"
möchte.
Wenn der SPD Vizefraktionschef Gernot Erler verkündet, "für das
Einsatzgebiet der Streitkräfte werde es in Zukunft grundsätzlich
keine Einschränkung mehr geben" (FR 7.12.02) ist ihm der Beifall von
Grün bis Schwarz sicher. Dieser weitere Schritt bei der
"Enttabuisierung des Militärischen" (Schröder) gehört
zu den positiven Elementen, die deutsche Militärxperten in ersten Analysen
der amerikanischen NRF-Initiative von Prag entdecken. Ein weiteres besteht in
der Erwartung, bei der engen Zusammenarbeit mit US-Eliteverbänden
könnte einiges für den eigenen Nutzen abfallen von der technischen
und taktisch-operativen militärischen Revolution, die derzeit in den
Vereinigten Staaten stattfindet.
Ansonsten herrscht Gemaule über eine US-Regierung, die sich "mit
der besonders beförderten Osterweiterung und dem Instrumentarium Responce
Force eine Nato nach ihrem Bilde" schafft (Soldat und Technik 12/02).
Damit es rascher vorangeht mit dem Aufbau einer Militär-Union nach eigenem
Bild hat Außenminister Fischer jüngst mit seinem französischen
Amtskollegen Dominique de Villepin die Idee eines
"verteidigungspolitischen Kerneuropa" ausgeheckt, bei dem Paris und
Berlin den Militarisierungskurs forcieren und die Zögerer gegebenenfalls
als Nachhut mitgeschleppt werden, aber keinen Einfluss mehr auf das Tempo und
die Marschrichtung nehmen können. Die Europäische Union soll demnach
"die Sicherheit ihres Gebietes und ihrer Bevölkerung
gewährleisten und zur Stabilität ihres strategischen Umfeldes
beitragen" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 1.12.02), eine Aufgabe
für die sich bislang die Nato zuständig fühlt.
"Die Sicherheits-Analyse ergibt: Wo die Nato bestimmt, kann Europa nicht
bestimmen" hat Egon Bahr im Mai 2002 in einem Aufsatz mit dem Titel
"Schild Europas oder Schwert Amerikas?" geschrieben. Dass beide zum
Teufel gehen sollen, Schild und Schwert, hat er vergessen zu erwähnen.
Der Artikel erschien im Januar 2003 in der konkret.
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