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Arno Neuber
Rüstungsdinos auf Beutezug
Die Schröder-Fischer-Regierung fungiert nicht nur als Tabubrecherin
beim Einsatz der Bundeswehr in aller Welt, sie ist auch rührig, wenn es
darum geht, deutschen Kriegswaffenproduzenten Führungspositionen bei
europäischen Zusammenschlüssen zu sichern.
Bereits im Koalitionspapier von SPD und Bündnisgrünen aus dem Jahr
1998 wurde zu diesem Zweck die Förderung der Luft- und Raumfahrtindustrie
als Ziel "deutscher Friedenspolitik" ausgegeben.
Im Herbst 2000 trafen sich Schröder und sein
"Verteidigungs"minister mit den Spitzen der Heeres- und
Marineindustrie im Kanzleramt, um einen Zusammenschluss der deutschen Heeres-
und Marineindustrie zu Rüstungsdinos auszuhandeln, die Einfluss auf
künftige europäische Entwicklungen nehmen könnten.
Als beispielhaft wird dabei der Luft- und Raumfahrtgigant EADS angesehen.
Dort ist man auf bestem Wege, zwei strategische Ziele gleichzeitig zu
erreichen, nämlich dominierenden deutschen Einfluss innerhalb des
Zusammenschlusses sicher zu stellen und die führende US-amerikanische
Marktmacht zu brechen.
Die EADS ist einer der Hauptprofiteure der EU-Militarisierung. "Die
Branchenstimmung hellt sich deutlich auf", schrieb das Fachblatt
"FlugRevue" anläßlich der Internationalen
Luftfahrtausstellung im Juni in Berlin. Dort hatten sich der Bundeskanzler und
die Minister Struck, Schily, Buhlman, Stolpe und Clement als Werbepromis
für Waffen "made in germany" ein Stelldichein gegeben.
Der Auftragsbestand der EADS im Militärbereich hatte sich im
vergangenen Jahr bereits auf 61,2 Mrd Euro verdoppelt (Ende 2002: 31,0 Mrd).
Bis 2005 soll der Umsatz im Rüstungsbereich um über 50% wachsen und
rund 30% des Gesamtumsatzes ausmachen. Mit dem Auftrag für den
Militärtransporter Airbus A400M im Wert von offiziellen 19,7 Mrd Euro hat
die EADS den größten Auftrag ihrer Geschichte an Land gezogen.
EADS-Boss Camus: "Wir streben die weltweite Führungsposition
an." Das heißt: Boeing übertrumpfen, in den
US-Rüstungsmarkt einbrechen (nachdem man im Zivilgeschäft bereits der
größte Hubschrauberlieferant ist und Airbus mit Boeing bei
Verkehrsflugzeugen gleich gezogen hat) und strategische Positionen in Russland,
Japan, China, Südkorea und Indien erobern.
Bislang ist es allerdings nicht gelungen, die Briten unter die
deutsch-französische Knute zu zwingen.
Dort ist durch weitgehende Konzentration des Rüstungssektors unter dem
Dach der British Aerospace (BAE) Systems ein zweiter Pol in der
EU-Rüstungsindustrie entstanden, der vor allem von den britischen
Sonderbeziehungen zu Washington profitiert. Mit einem Auftragsvolumen von 69
Mrd Euro ist BAE der größte ausländische Lieferant der US-Army.
Beteiligt ist man auch am joint strike fighter, dem teuersten
Rüstungsprojekt der Welt (70 Mrd Dollar).
BAE Systems versucht seit längerem, einen transatlantischen
Superkonzern unter eigener Führung aufzubauen. Nach dem Scheitern von
Fusionsgesprächen mit Boeing und dann mit Lockheed-Martin wurde im
Frühjahr 2004 über einen Zusammenschluss mit General Dynamics
spekuliert.
Der führende Panzerbauer der USA hatte zu diesem Zeitpunkt die
Übernahme des britischen Konkurrenten Alvis angekündigt. General
Dynamics wäre damit zum führenden Lieferanten für Kampfpanzer
und Militärfahrzeuge in Europa aufgestiegen. Bereits im März 2001 war
man bei der spanischen Santa Barbara eingestiegen, die den deutschen
Kampfpanzer Leopard 2 in Lizenz baut. Eine Kriegserklärung für die
Berliner Regierung. Dort fürchtet man den Abfluss deutschen know-hows und
das Eindringen der US-Konkurrenz in den europäischen Panzermarkt, nachdem
General Dynamics auch bei Steyr (Österreich) und Mowag (Schweiz)
erfolgreich auf Beutezug war.
Offensichtlich denkt man in London aber an eine eigene Führungsposition
in Europa, nicht an eine Statistenrolle für die US-Rüstungsindustrie.
In einem Überraschungscoup wenige Stunden vor Ablauf der Bieterfrist legte
BAE Systems ein höheres Angebot für Alvis auf den Tisch. General
Dynamics dürfte damit erst einmal leer ausgehen und BAE seine Position
für eine Übernahme des US-amerikanischen Panzerkonzerns gestärkt
haben.
In Deutschland wurde - unter tatkräftiger Hilfestellung aus Bonn und
Berlin - die Panzerindustrie in den letzten Jahren bei Krauss-Maffei Wegmann
(Kampfpanzer) und Rheinmetall (Transportpanzer, Schützenpanzer)
konzentriert. Der Panzerbau gilt als strategischer Kernbereich der deutschen
Kriegswaffenindustrie. Mit Rheinmetall wurde ein deutscher Rüstungskonzern
von europäischen Dimensionen zusammengeschoben. Problematisch aus Berliner
Sicht sind die Eigentumsverhältnisse bei Krauss-Maffei Wegmann. Siemens
möchte nämlich seinen 49%-Anteil verkaufen.
Im vergangenen Dezember hatte die rosa-olivgrüne Koalition in Berlin
eigens das Außenwirtschaftsgesetz geändert, um den Verkauf deutscher
Rüstungskonzerne ins Ausland unter Genehmigungsvorbehalt der Regierung zu
stellen. Inzwischen hat man sich mit der Industrie darauf verständigt, nur
im Ausnahmefall davon Gebrauch zu machen. Der könnte bei KMW gegeben
sein.
Die SPD-Wehrexperten Arnold, Bartels und Merten haben jedenfalls klar
gemacht, dass die Zeit der Diskussionen um Arbeitsplätze in der
Rüstung vorbei sind. Es geht um höhere Ziele. Es geht darum, mit
einer eigenen Kriegswaffenindustrie "Einfluss auf die Sicherheitspolitik
in Europa und in der Welt nehmen zu können".
Genau darüber kam es jüngst zum Krach beim
deutsch-französischen Führungsduo wegen unterschiedlicher Interessen
bei der Konstruktion einer "Marine-EADS".
2002 verkaufte die Deutsche Babcock AG die Kieler Marine-Werft HDW an den
US-Pensionsfonds One Equity Partners (OEP), der sie ein Jahr später mit
Gewinn weiter verkaufen wollte.
Interesse zeigten der französischen Rüstungskonzerne Thales und
die Staatswerft Direction des Constructions Navales (DCN). Gegen eine
französische Übernahme machte sich die sonst so frankophile
Bundesregierung stark, die zunächst einen nationalen Zusammenschluss haben
wollte, der bei einer künftigen "Marine-EADS" nicht im Beiboot,
sondern auf der Kommandobrücke sitzen soll. Das Gerangel um HDW
beschäftigte monatelang die Wirtschafts- und
"Verteidigungs"ministerien in Paris und Berlin, Kanzler Schröder
und Staatspräsident Chirac griffen persönlich in die
Auseinandersetzungen ein. Die Bundesregierung stellte sogar staatliche
Bürgschaften in Aussichten, um eine deutsche Mehrheit an der Werft zu
sichern.
Im Frühsommer 2004 schließlich unterzeichneten ThyssenKrupp und
OEP eine Absichtserklärung, wonach die bisherigen ThyssenKrupp-Werften
Blohm+Voss (Hamburg) und die Nordseewerke (Emden) sowie die Kockums Werft
(Schweden) und die griechische Hellenic Shipyards mit der HDW in einem Verbund
unter Führung von ThyssenKrupp zusammengeführt werden sollen. OEP
soll dazu seine 100% der Anteile an HDW gegen 25% beim neuen europäischen
Werftenriesen tauschen.
Das nächste Gerangel kündigt sich bereits im Bereich der Motoren-
und Triebwerksindustrie an.
Zum Jahreswechsel hat DaimlerChrysler die MTU Aero Engines für
angeblich 1,5 Mrd Euro an den US-Investor Kohlberg Kravis Roberts Co. (KKR)
verkauft. Bei MTU verspricht man sich durch einen US-Besitzer bessere Chancen
beim Zugang zum US-Markt. Der Name Daimler löst dort noch immer
Erinnerungen an Faschismus und Holocaust aus. Der US-Investor will MTU als
Ganzes erhalten und später gewinnbringend an die Börse bringen.
Bei der Bundesregierung laufen bereits alle Drähte heiß.
Deutscher Einfluss soll unbedingt gesichert werden, schließlich ist die
MTU der Lieferant für sämtliche Triebwerke der deutschen Luftwaffe.
Als mögliche Partner für einen europäischen Triebwerkkonzern
gelten derzeit Volvo (Schweden) und die spanische ITP. Auch in Frankreich
begibt man sich in Startposition für einen erneuten Machtkampf. Der
französische Staatskonzern SNECMA soll noch in diesem Jahr an die
Börse gebracht werden und danach für europäische
Zusammenschlüsse bereit stehen. Der Einsatz verspricht reiche Beute. Nach
20jähriger Aufholjagd gegen die US-Konkurrenz und dem Einsatz von Unsummen
von Steuergeldern hat die europäische Triebwerksindustrie inzwischen einen
Weltmarktanteil von 50% erobert.
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