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Arno Neuber
EU-Verfassung sieht Rüstungsagentur vor
Einen besonderen Schub für die deutschen Kriegswaffenproduzenten
versprechen sich Bundesregierung und Kriegswaffenindustrie von der im
EU-Verfassungsentwurf (Artikel I-40, Abs 3 des Textes vom 25.06.04) verankerten
"Agentur für Rüstung, Forschung und militärische
Fähigkeiten".
Obwohl der Verfassungsentwurf beim EU-Gipfel im Dezember 2003 zunächst
wegen machtpolitischer Streitigkeiten auf Eis gelegt werden musste, trafen sich
schon Anfang des Jahres 2004 zwölf Experten, das sogenannte Agency
Establishment Team, in Brüssel, um die (im damaligen Verfassungsentwurf
noch "Amt" genannte) Rüstungsagentur auf den Weg zu bringen.
Vier Monate später gab es einen Aufbauplan, der beim EU-Gipfel am 17. Juni
des Jahres in Brüssel gebilligt wurde. Danach soll die Behörde (jetzt
EDA - European Defence Agency - genannt) im nächsten Jahr rund 80
Mitarbeiter und ein Budget von 25 Millionen Euro haben.
Im Interview mit der Zeitschrift des Reservistenverbandes der Bundeswehr
(loyal Nr. 6/2004) zeigte sich EADS-Chef Rainer Hertrich allerdings unzufrieden
mit dem Konzept. Er will mehr Macht für die Agentur. "Vorerst scheint
es in der Konzeption mehr darum zu gehen, Ratgeber zu sein. Eine Art
strategisches Institut ohne jegliche Kompetenzen, nur mit einem minimalen
Budget ausgerüstet (...) Das ist etwas, was aus meiner Sicht wahrhaft
keinen Sinn macht. So wäre das Klassenziel eindeutig verfehlt."
Wie das Klassenziel lautet, erklärten die Bosse der europäischen
Rüstungsriesen EADS, BAE Systems und Thales am 15. Juni des Jahres dem
Publikum in einer ganzseitigen Anzeige in den großen deutschen
Tageszeitungen. Unter dem Titel "Eine starke europäische
Verteidigungsagentur nützt allen - nutzen wir die Chance!" forderten
sie, die Arbeit der Rüstungsagentur auf vier Punkte zu konzentrieren und
sie mit weitgehenden Entscheidungsbefugnissen auszurüsten.
Ersten soll die Agentur für eine schnellere Aufrüstung der
EU-Interventionstruppen sorgen. Zweitens sollen mehr staatliche
Forschungsgelder für die Kriegswaffenindustrie her. Dazu soll eine
"strategische europäische Forschungsagenda" erarbeitet werden.
Drittens soll über einen europäischen Rüstungsmarkt den
großen Konzernen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien der
Zugriff auf die Militärhaushalte aller EU-Mitgliedsländer geebnet
werden. Wie weitgehend die Rüstungsbosse dabei die Kompetenzen der Agentur
auslegen, zeigt die Formulierung in ihrem Aufruf: "Die Agentur wird daher
die Mitgliedstaaten dazu anhalten müssen, gemeinsame Lösungen auch
bei unterschiedlichen Anforderungen zu finden." Der vierte Punkt ist eine
Kampfansage an die USA und ihre Rüstungsindustrie und eine Aufforderung
zum "sorgsamen Umgang mit der industriellen Basis in Europa" mit dem
dezenten Hinweis auf das gigantische Beschaffungsbudget im
US-Rüstungshaushalt.
BDI-Präsident Rogowski ist sich sicher: In den Kernbereichen wird die
deutsche Kriegswaffenindustrie durch die Agentur "mit größeren
Auftragsgrößen rechnen können. Deshalb bin ich sehr dafür,
dass es zu einer europäischen Kooperation kommt." (Deutsche Welle,
18.12.03)
Es verwundert daher nicht, dass die Initiative zu einer
EU-Rüstungsagentur 1993 von Deutschland und Frankreich ausging. 1997 wurde
eine gemeinsame Organisation (OCCAR) mit Sitz in Bonn gegründet, der sich
auch Großbritannien und Italien anschlossen. In diesen vier Länden
haben übrigens 16 der 50 größten Waffenkonzerne der Welt ihren
Sitz. Über die OCCAR werden derzeit beispielsweise die Beschaffung des
Militärtransporters A400M, des Kampfhubschraubers Tiger und des
Schützenpanzers Boxer gemanagt. OCCAR soll künftig in der
EU-Rüstungsagenur aufgehen.
Die Bundesregierung hat bei der Besetzung des Chefpostens der
Rüstungsagentur zwar einem Briten den Vortritt gelassen, aber sich mit
Hilmar Linnenkamp den Stellvertreterposten gesichert.
Und dann gibt es ja auch noch den "Superkommissar", Günter
Verheugen.
Mit ihm ist es der Schröder-Fischer-Truppe gelungen, ihren Kandidaten
in das "zentrale herausgehobene Amt" eines EU-Kommissars für
Wirtschaftsfragen zu hieven. Günter Verheugen wird künftig nicht nur
darauf achten, dass die Wirtschaftsinteressen der EU-Führungsmächte
und ihrer Konzerne in der erweiterten Union durchgesetzt werden, er wird auch
die Zuständigkeit für Rüstungsforschung und die europäische
Raumfahrt haben, deren Militarisierung von Berlin kräftig vorangetrieben
wird.
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