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Zivil- und Sicherheitsforschung:

Synergien - Dual Use - Militarisierung?

Nachlese zur Informationsveranstaltung vom 19.1.2005

Am 19.1.2005 fand im Saal der Lutherkirche in Karlsruhe eine attac-Veranstaltung statt, die sich mit der "dual use"-Thematik sowie der drohenden Eingliederung von vier Rüstungsforschungs-Instituten in die Fraunhofergesellschaft beschäftigte.

Die gut besuchte Veranstaltung wurde von zwei Vorträgen eingeleitet, die die Begriffe klären und in die Problematik einführen sollten. Dabei ging es - wie in der Einladung formuliert - um die folgenden Fragestellungen:

"Das Bundesverteidigungsministerium fordert die stärkere Verbindung von ziviler und Rüstungsforschung, um Synergieeffekte zu erzielen. Dies betrifft u.a. auch ein Karlsruher und ein Ettlinger Institut für Forschungsgebiete wie die Mustererkennung. Was steckt hinter dem Regierungsplan? Wie sehen die neuen europäischen Rahmenbedingungen aus?"

Nach den Plänen der Bundesregierung sollen dieser angeblichen "Synergieeffekte" wegen vier Rüstungsforschungsinstitute bis Ende 2006 in die Fraunhofergesellschaft eingegliedert werden.

Es handelt sich um die drei Institute der FGAN (Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften) und um ein Institut des DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt):

• FHR Forschungsinstitut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik, Wachtberg
• FKIE Forschungsinstitut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie, Wachtberg
• FOM Forschungsinstitut für Optronik und Mustererkennung, Ettlingen
• ITP Institut für Technische Physik, Stuttgart

Darüber hinaus soll das Fraunhofer-Institut für Informations- und Datenverarbeitung (IITB), Karlsruhe, mit dem FGAN-Forschungsinstitut für Optronik und Mustererkennung (FOM), Ettlingen, fusioniert werden.

Dies würde die Militarisierung der Forschung der Fraunhofergesellschaft bedeuten, die bisher fast nur zivile Forschung betreibt.

*

Wir dokumentieren hier die Beiträge von:

  • Dr. Dietrich Schulze, ver.di-Bezirksvorstandsmitglied,
    Betriebsratsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe
  • Arno Neuber, Informationsstelle Militarisierung Tübingen (IMI) e.V.

Es folgt:

  • eine Übersicht der "außeruniversitären Forschungseinrichtungen"
  • und ein Verweis auf den Artikel "Keine Militarisierung der Forschung in HGF-Zentren" der "Arbeitsgemeinschaft der Betriebs- und Personalräte der außeruniversitären Forschungseinrichtungen" (AGBR).
19.1.2005

Inhalt:

» Einleitung

» Beitrag von Dietrich Schulze

» Beitrag von Arno Neuber

» Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen

» Verweis auf den Artikel "Keine Militarisierung ..."


Synergie
(grch.: Mitarbeit)

das Zusammenwirken von Lebewesen, Stoffen, Kräften oder Faktoren derart, dass die Gesamtwirkung größer ist als die Summe der Einzel-Wirkungen.

dual use
(engl.: doppelter Nutzen, doppelte Verwendbarkeit)

im vorliegenden Fall geht es um Forschung, deren Ergebnisse sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können.
Dietrich Schulze

Meine Damen und Herren, werte MitstreiterInnen,

wir wollen heute über Zivil- und Militärforschung reden.

Zivilforschung dient der Gewinnung von grundlegenden Erkenntnissen über die Welt und die Lebewesen, der gesellschaftlichen Vorsorge und der Erforschung und Entwicklung von Technologien, die dem praktischen Gebrauch und der Verbesserung der Lebensgrundlagen dienen.

Militärforschung dient der Herstellung von Waffen, die letztlich darauf ausgerichtet sind, Menschen kampfunfähig zu machen oder zu töten und der Erarbeitung von Kriegsführungskonzeptionen.

Dies sind zwei absolut unvereinbare Zielsetzungen. Deswegen bin für Transparenz und Abgrenzung zwischen Zivil- und Militärforschung und gegen den Missbrauch des zivilen Forschungshaushalts für militärische Zwecke.

Und "Dual Use" ist das erklärte Gegenteil. "Dual Use" heißt wörtlich übersetzt "zweifache Verwendung" und meint, die Forschung so zu gestalten, dass sowohl zivile als auch militärische Zielsetzungen mit der gleichen Forschung erledigt werden können. Heute wird diese zivil-militärische Forschung gern mit Sicherheitsforschung bezeichnet, um die eigentlichen Absichten der Militärforschung zu verdecken.

Für meine Opposition gegen diese absichtsvolle Vermischung berufe ich mich auf die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Bulmahn, und zwar als frühere Oppositionsabgeordnete. Sie setzte sich 1989/90 mit einem Konzept Informationstechnik der damaligen Bundesregierung auseinander.

Zitat aus dem Regierungskonzept:

"Zukunftskonzept Informationstechnik"
der Bundesregierung von 1989

"In Zukunft wird auch verstärkt darauf hinzuwirken sein, sogenannte Dual-Use-Technologien intensiver zu nutzen, d.h. zu versuchen, militärische Forderungen bei zivilen Entwicklungen frühzeitig mitberücksichtigen zu lassen, beziehungsweise auf derartige Dual-Use-Technologien in Form von Add-On-Programmen aufzusetzen, um den militärischen Bedarf zu decken."

Folie 1

Um diese Position mit dem Worten von Frau Bulmahn auszudrücken:

MdB Edelgard Bulmahn 1990 als Oppositionsabgeordnete
an die Bundesregierung

"In einem Scheiben an den BMVg forderte ich vielmehr eine sachadäquate Antwort ein, da es nicht angehen kann, dass Programme des Forschungsministeriums aus militärischen Erwägungen heraus beeinflusst werden und dies nicht einmal gegenüber dem verantwortlichen Bundestagsausschuss offengelegt wird. Zugleich verwahrte ich mich gegen einen Mißbrauch des Forschungshaushalts für militärische Zwecke."

Veröffentlicht in W. Liebert, R. Rilling, J. Scheffran (Hrsg.), "Die Janusköpfigkeit von Forschung und Technik – Zum Problem der zivil-militärischen Ambivalenz", Marburg, BdWi-Verlag, 1992
Folie 2

Wer will die Zusammenlegung von Militär- und Zivilforschung und warum?

Im Mai 2003 wurde eine Konzeption aus dem Verteidigungsministerium - Hauptabteilung Rüstung, Ministerialrat Wolff - vorgelegt. Danach sollen die drei Militärforschungsinstitute der FGAN (Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften) und ein Institut der Luft- und Raumfahrtforschung in Stuttgart allesamt in die Fraunhofergesellschaft eingegliedert werden.

Eines der 3 FGAN-Militärforschungsinstitute hat seinen Sitz in Ettlingen und eines der 58 Fraunhofer-Institute hat seinen Sitz in Karlsruhe.

Die Fraunhofer-Institute betreiben mit 93 % angewandte Zivilforschung im industriellen Vorfeld. Lediglich 5 davon machen Militärforschung und das in Karlsruhe nur zu einem geringeren Teil. Die Eingliederung wird mit der Nutzung von zivil/militärischen Synergieeffekten begründet und auf die neuen verteidigungspolitischen Richtlinien gestützt.

Wieder so ein positiv besetzter Begriff - "Synergieeffekt". Synergie bedeutet, aus der Zusammenlegung von verschiedenen Dingen eine neue positive Qualität zu erhalten, die weit über die Addition der Einzelteile hinausgeht.

Aus der Zusammenlegung von Zivil- und Militärforschung - "Dual Use" - resultiert Negatives, nämlich die Militarisierung der Forschung.

Die Betriebs- und Personalräte der außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben sich bereits 1994 mit "Dual-Use" beschäftigt und dazu folgendes gesagt:

  • Damit entstehen gesellschaftlich und sozial unverträgliche Schwerpunktsetzungen in der Forschung.
  • Das steht den Forderungen nach Demokratisierung, Offenlegung und Transparenz entgegen und behindert die internationale Zusammenarbeit.
  • Militärforschungs- und Rüstungsausgaben versprechen der Rüstungsindustrie zwar satte Gewinne, sind aber ein Sargnagel für den Sozialstaat.
  • Die Unvereinbarkeit von zivilen und militärischen Zwecke kann man mit den Stichworten kennzeichnen: Öffentlichkeit, Menschenbild, Wohlfahrt, Friedfertigkeit, Ökologie.
  • Die ForscherInnen haben eine besondere Verpflichtung, der Öffentlichkeit gegenüber Rechenschaft über ihrer Tätigkeit zu geben und die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns zu übernehmen.

Aus all diesen Gründen fordern die Betriebs- und Personalräte eine Neuausrichtung von Wissenschaft und Forschung auf ausschließlich zivile Zwecke.

Eine solche 10 Jahre alte Forderung mag angesichts der Tatsache, dass unser Land zur Spitzengruppe der Rüstungsexport-Weltmeister gehört und seit 1999 wieder auf Kriegsschauplätzen in vielen Teilen der Welt mitmischt, ziemlich unrealistisch erscheinen. Das ist es nicht.

Ich selbst komme aus einem Forschungsbetrieb mit fast 4000 Beschäftigten - dem Forschungszentrum Karlsruhe -, in dem nicht nur ausschließlich für friedliche Zwecke geforscht wird, sondern bei dem das auch noch in der Satzung festgeschrieben ist:

Zivilklausel des Forschungszentrums Karlsruhe

Im Gesellschaftsvertrag heißt es: "Das Forschungs- und Entwicklungsprogramm dient ausschließlich friedlichen Zwecken."

Folie 3

Und das steht nicht nur auf dem Papier, sondern das ist auch seit Gründung des Zentrums 1956 als Kernforschungsanlage das nachweisbare Selbstverständnis der Beschäftigten. Der Grund für die Satzungsbestimmung ist das alliierte Verbot, Kernwaffenforschung zu betreiben und das Gebot, die Kernforschung ausschließlich zum Zwecke der zivilen Energieversorgung zu betreiben.

Gerade im 60. Jahr der Beendigung des II. Weltkriegs muss daran erinnert werden, dass der faschistische deutsche Staat mit der Atomwaffe die Wunderwaffen gehabt hätte, seinen Untergang aufzuhalten, einen Untergang, der für die europäischen Völker die Befreiung bedeutete. Es gibt deswegen für unser Land die fortwirkende Verpflichtung, keine Massenvernichtungswaffen zu erforschen oder herzustellen.

Für die Technologie der Kernspaltung gab und gibt es also eine strikte Trennung von ziviler und militärischer Anwendung. Genau das gleiche galt bis zu Beginn der 1990er Jahre für alle anderen Forschungszweige mit Ausnahme der Weltraumforschung.

Erst damals begann die CDU-geführte Bundesregierung gegen die Opposition von SPD und GRÜNEN "Dual Use"-Pläne zu propagieren. Jetzt kommen die gleichen Pläne aus einem SPD-geführten Verteidigungsministerium. Sind sie deswegen glaubwürdiger?

Die für die Forschungsbetriebe zuständige Gewerkschaft ver.di hat immer wieder - zuletzt auf ihrem Bundeskongress 2003 - entschieden NEIN zu Krieg und militärischem Gewalteinsatz gesagt:

Beschluss ver.di-Bundeskongress 2003
"Strategien entwickeln für Frieden, gegen Gewalt, Terror und Krieg"

Forderungen allgemein:
"ver.di setzt sich aktiv für zivile Konfliktlösungen ein, um langfristig militärische Verbände überflüssig zu machen. ver.di setzt sich für Demokratisierungen, eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und gewaltfreie Konfliktlösungen an Stelle militärischer Mittel in der Welt ein."

Forderungen konkret:
"Des Weiteren fordert ver.di einen sofortigen Rüstungsstopp, keine Produktion, keinen Handel und keinen Export von Kriegswaffen. ... Die Umrüstung der Bundeswehr zur weltweit einsetzbaren Interventionstruppe muss gestoppt werden. ... Ablehnung des Einsatzes der Bundeswehr zu Interventionszwecken ... die in Afghanistan, in Usbekistan, in der Türkei, in Ost-Afrika, im Arabischen Meer und in der Golf-Region eingesetzten deutschen Truppen müssen zurückgeholt werden."

Zu den Kriegsgründen:
"Die Bekämpfung von Terroristen dient offenkundig nur als Vorwand. Es geht den Krieg führenden Mächten um die Neuaufteilung der Welt, um die militärische Zurichtung neuer Märkte für die transnationalen Konzerne. ... die 'verteidigungspolitischen Richtlinien', die die militärische Durchsetzung deutscher Wirtschafts- und Machtinteressen in der Welt vorgeben, müssen rückgängig gemacht werden."

Folie 4

ver.di-Ablehnung von "Dual Use" und der Militarisierung der Forschung:

Beschluss ver.di-Bundeskongress 2003
"Gegen zivil-militärische Forschung"

"Die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA rechtfertigen nicht die Ausweitung auf militärische oder zivil-militärische Forschung (dual-use).

ver.di lehnt dieses ab und wird diese Ablehnung gegenüber der Bundesregierung nachdrücklich vertreten. Alle Vertrauensleute und Betriebs- und Personalräte werden ermutigt, gegen bekannt werdende Forschungs- und Entwicklungsprojekte dieser Art Protest zu erheben. ver.di sagt ihnen und den Beschäftigten, die sich weigern an derartigen Projekten mitzuarbeiten, öffentlichkeitswirksame und gegebenenfalls rechtliche Unterstützung zu."

Folie 5

Was war vor dem Hintergrund dieser Beschlüsse nahe liegender, als sich im ver.di-Fachbereich in Karlsruhe zusammenzusetzen, sobald wir von dem Konzept aus dem Verteidigungsministerium Kenntnis erhalten hatten.

Die primäre Frage war, ob die Beschäftigten der Militärforschungseinrichtung FGAN in Ettlingen möglicherweise ihre Kenntnisse künftig auf ziviler Zwecke ausrichten wollten, wie das Fraunhofer-Institute in der Vergangenheit schon mehrfach getan haben. Nachdem in einem längeren Diskussionsprozess klar wurde, dass das nicht der Fall ist, haben wir aus den oben genannten Gründen die Zusammenlegung abgelehnt und das an die Minister Struck und Bulmahn geschrieben.

Im Oktober tagte eine Konferenz der Betriebräte, die alle 50.000 Beschäftigte der außeruniversitären Forschung vertreten. Die Konferenz lehnte die Zusammenlegung ebenfalls ab:

Beschluss der AGBR-Konferenz im Oktober 2004

"Die AGBR-Konferenz lehnt die geplante Eingliederung der FGAN-Institute und des DLR-Instituts ITP in die Fraunhofergesellschaft ab. ...

Bei einer Fusion besteht die Gefahr einer stärkeren Ausrichtung auf militärische Forschung in der FhG und der Vermischung von ziviler und militärischer Forschung. Gegen einen solchen maximierten militärischen Nutzen ziviler Forschung ("dual use") hat sich die AGBR in ihren Thesen bereits 1994 ausgesprochen. ...

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, hat sich klar und eindeutig gegen "dual use" positioniert. In einem Gespräch mit der AGBR im Mai 1999 hat sie die "Transparenz und Abgrenzung zwischen militärischer und ziviler Forschung" bekräftigt."

Folie 6

Der Antwortbrief des Verteidigungsministers ging Ende November ein, unterzeichnet von dem gleichen Herrn Wolff, von dem das Konzept stammt. Dessen Antwort können Sie sich vorstellen:

BMVg-Antwort vom November 2004 auf den AGBR-Beschluss

"Der Schutz vor internationalen Terroranschlägen, insbesondere gegen zivile Einrichtungen, der Schutz der Soldaten, die mit breiter Zustimmung des Deutschen Bundestages zu friedenssichernden Maßnahmen im Ausland eingesetzt werden und die internationale vor allem aber die europäische Entwicklung in der Sicherheitspolitik erfordern ein verstärktes Umdenken in der Realisierung vorbereitender Maßnahmen. Insbesondere muss daher im Vorfeld von Entwicklungen die Forschung in ihrer Gesamtheit - zivil und sicherheitsbezogen - betrachtet und bewertet werden.

Dies bedingt selbstverständlich die Notwendigkeit der Nutzung der knappen Ressourcen überall dort, wo sich Synergien abzeichnen. Dies wird auch in dem Ansatz zum 7. Rahmenprogramm der Kommission der Europäischen Union deutlich, der einen integralen und wesentlichen Anteil Sicherheitsforschung umfassen wird. Vor diesem Hintergrund sehen wir in der angestrebten Eingliederung der FGAN-Forschungsinstitute und des Instituts für Technische Physik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt den richtigen weiterführenden Ansatz.

Grundlage für eine diesbezügliche weitere Diskussion von Einzelheiten wird das Ergebnis der Evaluierung dieser Institute durch den Wissenschaftsrat sein, das voraussichtlich Ende des Jahres 2006 vorliegen wird."

Folie 7

Ein Antwortbrief von Ministerin Bulmahn steht aus.

Meine Damen und Herren, gerade die letzten Wochen haben gezeigt, dass die wirklichen Herausforderungen an die Menschheit nicht militärischer Natur sind. Umweltkatastrophen, ökologische Schäden, Raubbau an Naturschätzen und die sich vertiefende soziale Kluft zwischen Arm und Reich bedrohen die Sicherheit der Menschen in allen Erdteilen. Mit Frühwarnung, Krisenvorsorge, ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit kann und muss diesen Katastrophen entgegen gewirkt werden.

Das sind die wirklichen Sicherheitsfragen der Menschheit und nicht die aus Machtinteressen vorgetäuschten, die heute vorwiegend mit dem Kampf gegen den Terrorismus begründet werden. Der Krieg gegen und im Irak ist das neueste schreckliche Lehrbeispiel für die Untauglichkeit militärischer Lösungen. Obwohl das humanitäre Desaster offensichtlich ist und führende Politiker aller US-Parteien in den letzten Wochen den Rückzug aus dem Irak gefordert haben, setzt Präsident Bush noch eins drauf und droht dem Iran mit Militärschlägen.

Wer aber Unrecht mit Krieg bekämpft, bedient sich staatsterroristischer Mittel und erntet terroristische Gegengewalt. Die tödliche Gewaltspirale muss endlich verlassen werden.

Die Zukunft liegt in einer Abkehr von militärischen Rüstungen, der Hinwendung zu ausschließlich zivilen Mitteln der Konfliktlösung und in der Schaffung weltweiter Gerechtigkeit. Im Interesse des Überlebens der Menschheit muss es gelingen, den Krieg als Mittel der Konfliktlösung zu ächten und die Vision einer waffenfreien Welt zu verwirklichen.

Und gerade die europäischen Völker, die so furchtbare Wunden aus dem letzten Großen Krieg empfangen haben, könnten die Initiatoren eines solchen tiefgreifenden, weltweiten Wandels werden. Jeder Einzelne von uns kann dazu beitragen.

Das ist meine tiefe Überzeugung als Wissenschaftler und als Bürger.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Dietrich Schulze, ver.di-Bezirksvorstandsmitglied,
Betriebsratsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe
 
Arno Neuber

Die Diskussion um "dual use" und die Militarisierung der Forschung ist vor folgendem Hintergrund zu sehen:

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In den Planungen und Konzepten der Bundesregierung und der Europäischen Union zur Außen- und Sicherheitspolitik gewinnen militärische Betrachtungsweisen immer stärker die Oberhand. Der am 29. Oktober 2004 von den EU-Staats- und Regierungschefs unterzeichnete Entwurf für eine EU-Verfassung macht die Union zu einem globalen militärischen Akteur. Die EU baut dafür eine Eingreiftruppe aus 60.000 Soldaten und sogenannte battle groups auf, die schnell verlegbar und unter allen Klimabedingungen kampffähig sein sollen.

Die ständige Verbesserung der militärischen Fähigkeiten erhält Verfassungsrang. Eine Agentur für Rüstung, Forschung und Beschaffung wird installiert, die diesen Militarisierungsprozess koordinieren und im Rahmen der sogenannten "strukturierten Zusammenarbeit" überwachen soll. Das Europäische Parlament erhält praktisch keine Rechte bezüglich Militäreinsätzen. Sie sind Sache der Staatschefs und des Ministerrates.

Gleichzeitig mit dem EU-Verfassungsentwurf wurde von Javier Solana ein Strategiepapier unter dem Titel "Ein sicheres Europa in einer besseren Welt" vorgelegt. Die EU verfolgt danach das Ziel "eine Strategie-Kultur" zu entwickeln, "die ein frühzeitiges, rasches und wenn nötig robustes Eingreifen fördert." Die EU-Interventionstruppe soll mehrere Operationen gleichzeitig durchführen können. Es geht um Einsätze im Spektrum von humanitären Aktionen bis zu Kampfeinsätzen, neuerdings ist auch von "Abrüstungskriegen" die Rede.

Am plakativsten hat diese Entwicklung ein hochrangiger Beamter aus dem Stab von Solana auf den Punkt gebracht: "Wenn es stimmt, dass die Welt ein Dschungel ist, dann sollten wir sicherstellen, dass Europa zu den Tigern gehört und nicht zu den Affen." (Süddeutsche Zeitung, 21.05.03)

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Der Verteidigungsbegriff wird völlig neu definiert und letztlich in sein Gegenteil verkehrt. Verteidigungsminister Struck (warum nicht Interventionsminister?) propagiert Deutschlands Verteidigung am Hindukusch. Seine Verteidigungspolitischen Richtlinien vom Mai 2003 sehen für Bundeswehreinsätze keinerlei Grenzen mehr, "weder hinsichtlich ihrer Intensität noch geografisch" (Ziffer 57). Auch die EU-Sicherheitsstrategie spricht von einer "Verteidigungslinie", die "oftmals im Ausland" liegt.

Es geht um militärische Rohstoffsicherung und notfalls Beschaffung und die Sicherung von Transportrouten. Letztlich um die militärische Komponente der "Globalisierung".

Statt um Verteidigung geht es um die Durchsetzung von Interessen. Militär gilt (wieder) als ein probates Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen.

3



Diese Veränderung der Politik stößt auf technologische Veränderungen. Unter dem Stichwort "Revolution of military affairs" wird der Aufbau von High-tech-Armeen betrieben.

Es geht um
  • Informationsüberlegenheit,
  • Satellitenkommunikation,
  • Weltraumgestützte Überwachung (Spionage) und
  • Lenkung von sog. Präzisions- und Abstandswaffen (Marschflugkörper).

Der Trugschluss ist, dass mit dieser militärischen Überlegenheit Sicherheit geschaffen werden könnte. Die eigentliche Ursache von Konflikten - Armut, Unterentwicklung, Hunger, Perspektivlosigkeit - wird ausgeblendet oder lediglich als Folie benutzt, um die schon fertigen militärischen Konzepte zu legitimieren.

Es ist folgerichtig, dass unter den genannten Prämissen für die politischen Akteure die Schlussfolgerung nahe liegt, die - wie sie beispielsweise die EU-Kommission nennt - "künstlichen Schranken" zwischen militärischer und ziviler Forschung einzureissen und bislang zivile Bereiche den militärischen Ansprüchen dienstbar zu machen.

Ich brauche nicht zu betonen, dass ich eine solche Politik für vollkommen verfehlt und gefährlich halte. Sie ist auch nicht zielführend - sie schafft keine Sicherheit, sie vergrößert die Gefahren asymmetrischer Bedrohungen.

Immer mehr Autoren der "strategischen Gemeinde" propagieren inzwischen einen "neuen Imperialismus", halten eine Neuauflage des Kolonialismus für notwendig. Das ist der Weg in die Barbarei.

Bemerkung zum Schluss:

Die Bildungsministerin hat das Jahr 2005 zum Einstein-Jahr erklärt. Daher ein kurzes Wort von Albert Einstein:

"Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder -traditionen zu machen. Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die Vorbereitung eines neuen Krieges missbraucht werden. Ich bin der gleichen Meinung wie der große Amerikaner Benjamin Franklin, der sagte: »Es hat niemals einen guten Krieg und niemals einen schlechten Frieden gegeben.«"

Arno Neuber, Informationsstelle Militarisierung Tübingen (IMI) e.V.
 

Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen

Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind wie folgt in Gesellschaften zusammen gefasst:

 GesellschaftInstitute
FhGFraunhofer-Gesellschaft60
HGFHelmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren15
MPGMax-Planck-Gesellschaft82
WGLWissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz84
FGANForschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften3
Stand: 01/2005

Eine detaillierte Auflistung finden Sie hier.

 

Wir verweisen auf den Artikel:
"Keine Militarisierung der Forschung in HGF-Zentren".

Dieser Artikel wurde am 3.11.2003 von der "Arbeitsgemeinschaft der Betriebs- und Personalräte der außeruniversitären Forschungseinrichtungen" (AGBR) veröffentlicht.

Zur "AGBR" gehören die Betriebs- und Personalräte der außeruniversitäre Forschungseinrichtungen (siehe oben), also:

  • der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG),
  • der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF),
  • der Max-Planck-Gesellschaft (MPG),
  • der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) und
  • der Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften (FGAN).

Der Artikel beruft sich auf die lange Tradition ziviler, auf rein friedliche Zwecke ausgerichtete Forschung der "Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren" (HGF). Das "Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt" (DLR) sei die einzige Einrichtung innerhalb der HGF, die Rüstungs- und "dual use"-Projekte verfolgt.

Er zeigt die seit Anfang der 90er Jahre erkennbaren Bestrebungen, die militärische Forschung durch "dual use"-Forderungen zu verstärken, und beschreibt die Entwicklung der letzten Jahre.

Seine Kernaussage ist:
"Ziel der 'Dual-Use-Initiative' ist es zu erreichen, dass militärische Aspekte bereits bei der Festlegung der Forschungslinien berücksichtigt werden."

Die konsequente Folgerung ist die nach der
"Festschreibung der Forschungsvorhaben auf ausschließlich friedliche / zivile Zwecke."

Verweis: "Keine Militarisierung der Forschung in HGF-Zentren"

 

 
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