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Arno Neuber
2.7.2005, Marktplatz in Karlsruhe:
Rede zum Auftakt der
Tour de Frieden 2005
Liebe Friedensfreunde!
Ich möchte euch ganz herzlich zum Auftakt der "Tour de
Frieden" begrüßen. Ich finde es großartig, dass sich hier
Jung und Alt auf eine gemeinsame Fahrt gegen Aufrüstung und Krieg,
für ein friedliches und soziales Europa machen.
"Wir müssen uns stellen", schreibt Albert Einstein in seiner
berühmten Rede "Für einen militanten Pazifismus".
"Wir müssen uns stellen, für die Sache des Friedens die
gleichen Opfer zu bringen, die wir widerstandslos für die Sache des Krieges
gebracht haben. (...)
Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die
ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten. Ein Zehntel der Energien,
die die kriegführenden Nationen im Weltkrieg verbraucht, ein Bruchteil des
Geldes, das sie mit Handgranaten und Giftgasen verpulvert haben, wäre
hinreichend, um den Menschen aller Länder zu einem menschenwürdigen
Leben zu verhelfen sowie die Katastrophe der Arbeitslosigkeit in der Welt zu
verhindern."
Was für eine aktuelle Vision!
Wir müssen uns stellen. Offenbar gewöhnen sich allzuviele Menschen
gerade wieder einmal an Kriege und Kriegsvorbereitung, als seinen sie etwas
selbstverständliches.
Wer erinnert sich noch daran, dass die NATO nach dem 11. September 2001 den
Verteidigungsfall ausgerufen hat und seither einen angeblichen Krieg gegen den
Terror führt, der niemals enden kann. Wenn im Bundestag das Mandat für
den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan erneut ausgeweitet wird, dann ist das
kaum noch eine Meldung in den Medien wert.
Die "50-jährige Erfolgsgeschichte der Bundeswehr
fortschreiben" und sie "als leistungsfähiges Mittel deutscher
Außenpolitik erhalten" gab Wehrminister Struck dieser Tage als
Zielstellung für die Truppe aus.
5.000 Soldaten stehen zu diesem Zweck in Auslandseinsätzen der NATO.
Unter EU-Flagge in Bosnien und bei den "battle groups" der
Europäischen Union sind es die Deutschen, die die größten
Truppenkontingente stellen. "Dass unsere Sicherheit auch am Hindukusch
verteidigt wird, wird mittlerweile kaum noch bezweifelt", ist sich Struck
sicher. Die "Enttabuisierung des Militärischen" in diesem Land
heften sich Schröders Mannen als ihren Sieg über den Antimilitarismus
und Pazifismus an die inzwischen ziemlich schlaffe Fahne.
Wenn Struck im September die Koffer packen muss und möglicherweise ein
CDU-Mann das Kommando übernimmt, wird sich am Ausbau der Bundeswehr zur
internationalen Eingreiftruppe nichts ändern. "Die Grundzüge der
Bundeswehrreform, die Struck gemacht hat, sind ja nicht falsch",
erklärt Wolfgang Schäuble im FAZ-Interview. Allerdings möchte
die CDU die Einsatzmöglichkeiten der Bundeswehr im Inneren
verstärken. Eine Grundgesetzänderung soll es ermöglichen, dass
künftig der Ministerpräsident eines Landes auf die Bundeswehr
für Einsätze im Inneren zurückgreifen kann, "wie etwa in
Amerika der Gouverneur auf die Nationalgarde". Das wird eine Truppe mit
mehr Soldaten erfordern. Und auch die weitere Erhöhung des
Rüstungshaushaltes steht neben einer allgemeinen Dienstpflicht im
Vorhabenplan der CDU.
Die Aussicht auf einen Wechsel im Ministerium wird den rechten
Schrumpfköpfen in der Bundeswehr weiteren Auftrieb geben, die sich bereits
in den letzten Wochen im Zuge der 50-Jahre-Feiern nach vorne gedrängelt
haben. Sie propagieren die "zeitlos gültigen soldatischen
Tugenden", verlangen "den Soldatentyp 'Kämpfer'
heranzubilden" und wollen das "Traditionserbe der Wehrmacht"
wieder pflegen.
Den Boden dafür hat ihnen die Politik der Bundesregierung bereitet.
Mit dem Umbau der Bundeswehr zur Interventionsarmee werden die
reaktionärsten militaristischen Positionen in der Truppe ermuntert.
Heeresinspekteur Gerd Gudera, den Struck für den Bundeswehreinsatz in
Afghanistan belobigte, nutzte seine Verabschiedung in den Ruhstand zu einem
"politischen Paukenschlag" ("Die Welt"), in dem er
erklärte, "nirgendwo außerhalb Deutschlands werden Soldaten in
ähnlicher Art und Weise verunglimpft und in ihrer Ehre beschnitten".
Sein Nachfolger, Hans-Otto Budde, einst Kommandeur der
Deutsch-Französischen Brigade, der Kerntruppe der EU-Interventionsarmee
und der Division Spezielle Operationen der Bundeswehr fordert den
"archaischen Kämpfer und den, der den High-Tech-Krieg führen
kann".
Die Zeit, in der Kriegseinsätze der Bundeswehr mit humanitären
Floskeln begründet wurden, geht möglicherweise dem Ende entgegen.
"Soldaten, die kämpfen sollen und dabei die Todesgefahr
einkalkulieren müssen, sollten davon überzeugt sein, ihr Einsatz
diene der Nation", heißt es in einem aktuellen Jubiläumsband
zur Geschichte der Bundeswehr.
Liebe Friedensfreunde!
In Karlsruhe hat im Juni eine Mehrheit des Gemeinderates den
Oberbürgermeister aufgefordert, der internationalen Initiative für
die Abschaffung aller Atomwaffen "mayors for peace" beizutreten. OB
Fenrich lehnt das ab. Mit dieser Haltung steht Karlsruhe völlig isoliert
da. Inzwischen haben 1036 Städte in 112 Ländern diesen Appell aus
Hiroshima und Nagasaki unterzeichnet. In Deutschland sind es 240, darunter auch
Pforzheim, das Ziel unserer Friedenstour, Stuttgart, Heidelberg, Offenburg,
Mannheim und Freiburg.
Am 6. August jährt sich zum 60. Mal der erste Atombombenabwurf auf
Hiroshima. Es ist sehr wichtig, dass wir rund um diesen Jahrestag unsere Arbeit
zur Abschaffung der Atomwaffen verstärken.
Weltweit gibt es immer noch rund 30.000 atomare Sprengköpfe, die
unseren Planeten mehrfach vernichten können. In den USA und Russland sind
4.000 davon ständig in höchster Alarmbereitschaft. Auch in Frankreich
und Großbritannien stehen Atomraketen zum sofortigen Abschuss bereit.
Ende Mai scheiterte in New York die Überprüfungskonferenz des
Atomwaffensperrvertrages an der Haltung der US-Regierung. In Washington
fühlt man sich offensichtlich nicht mehr an die
Abrüstungsverpflichtung des Vertrages gebunden. Stattdessen arbeiten die
US-Forscher an neuen Atomwaffen, Mini-Nukes genannt, die gegen verbunkerte
Ziele im sogenannten Antiterror-Krieg eingesetzt werden können.
Die Militärdoktrin der USA droht mit dem Ersteinsatz von Atomwaffen
auch gegen Länder, die solche Waffen nicht besitzen. Auch Frankreich ist
bei seinen Atomwaffen zu keiner weiteren Abrüstung bereit. Im Gegenteil.
Dort ist die Modernisierung der Atomstreitmacht in vollem Gange.
Der Rüstungskonzern EADS baut derzeit eine neue Atomrakete M51, die ab
2010 sechs atomare Sprengköpfe 6-8000 Kilometer weit tragen soll. Bis 2008
will Frankreich allein für seine Atomstreitmacht 17 Mrd Euro ausgeben. Und
Frankreich will, ähnlich wie die USA, künftig Atomwaffen auch zur
Sicherung seiner Interessen einsetzen.
Liebe Friedensfreunde!
Unser Einsatz ist gefordert, wir müssen uns stellen. Der Frieden
braucht die vielen kleinen und großen Aktionen, Veranstaltungen,
Demonstrationen und Friedenstouren. Und da gibt es auch die kleinen und
großen Erfolge, die Mut machen.
Ein großartiger Erfolg war die Ablehnung der unsozialen und
militaristischen EU-Verfassung beim Referendum in Frankreich und dann auch in
den Niederlanden.
Und ein Erfolg war der Freispruch eines Bundeswehrmajors durch das
Bundesverwaltungsgericht in Leipzig in der vorletzten Woche. Er hatte sich
geweigert, an der Entwicklung einer Computersoftware mitzuarbeiten, die im
Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Irak stand. Diesen Krieg hält er
für völkerrechtswidrig und folgt daher lieber seinem Gewissen, als
den Befehlen seiner Vorgesetzten.
Arno Neuber
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