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Arno Neuber
50 Jahre Bundeswehr. Zeit zum Abrüsten!
Wenn der "Verteidigungs"minister auf 50 Jahre Bundeswehr zu
sprechen kommt, dürfen drei Stehsätze nie fehlen.
So rühmt Schröders Mann auf der Hardthöhe die Bundeswehr als
"Garant für Frieden und Freiheit". Sie sei der "Vorreiter
bei der Verwirklichung der inneren Einheit" und heute "die Armee des
ganzen deutschen Volkes". Und der Sozialdemokrat Struck preist die
Bundeswehr als demokratische Vorzeigearmee mit dem Markenzeichen "innere
Führung". (Nachzulesen beispielsweise im Editorial der Sonderausgabe
zum 50. Jahrestag des Bundeswehrmagazins "Y.").
Und Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident und Mitglied der
SPD-Grundwertekommission versteigt sich zu der absurden Floskel, "die
Bundeswehr ist Teil unserer Zivilgesellschaft". Die Interventionstruppen
sind für ihn ein "Instrument friedensstiftender
Weltinnenpolitik", die global "Sicherheit produzieren".
Im Frühjahr 2003 protzte Peter Struck mit den militärischen
Leistungen seiner Regierung. Deutschland "ist weltweit nach den USA der
größte Truppensteller für internationale Einsätze -
deutlich vor England und Frankreich (...) Noch 1998 wurden nur 178 Millionen
Euro hierfür aufgewendet, im Jahr 2002 werden es bereits ca. 1,5
Milliarden Euro sein (...) Als diese Bundesregierung im September 1998
Verantwortung übernahm, war die Bundeswehr mit rund 2.800 Soldaten
lediglich in Bosnien-Herzegowina und in Georgien engagiert."
(Europäische Sicherheit 1/2003)
Heute sind rund 6.500 Bundeswehrsoldaten vor allem in Afghanistan und
Usbekistan, im Kosovo, in Bosnien-Herzegowina und am Horn von Afrika
eingesetzt. Dabei hat der Aufbau der neuen Armee der Berliner Republik erst
richtig begonnen.
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Aber schon haben die Auslandseinsätze der Bundeswehr seit 1998 rund 8,2
Mrd. Euro verschlungen.
Der offizielle Rüstungsetat liegt in diesem Jahr bei 23,65 Mrd. Euro.
Für 2006 ist eine Steigerung auf 24 Mrd. vorgesehen. Dazu kommen bis zu
520 Millionen Euro aus dem Verkauf und der Vermietung von Liegenschaften und
der Veräußerung von nicht mehr benötigtem Gerät. Zur
Begründung der Erhöhung wird vom sonst knappen Finanzministerium auf
die Notwendigkeit der "Sicherung der modernen und auftragsadäquaten
Ausstattung der Streitkräfte" hingewiesen.
Steigerungen sind für die Folgejahre fest eingeplant. Der
Bundeswehrplan des Generalinspekteurs (der allerdings nicht verbindlich ist)
sieht bis 2010 Militärausgaben in Höhe von 26,1 Mrd. Exorbitant
sollen vor allem die Ausgaben für die Beschaffung von Waffen steigen,
nämlich um satte 50 Prozent von vier auf sechs Mrd. Euro.
Hinter den abstrakten Zahlen steht der beschleunigte Umbau von einer Truppe,
die begrenzt interventionsfähig ist, zu einer "Einsatzarmee",
für die globale Militäreinsätze Alltag, Krieg und nicht
Abschreckung der Normalfall sind.
Noch vor zwei Jahren hatte eine Denkschrift der SPD-Grundwertekommission,
die Bundeswehr "ein Instrument der Verteidigung" genannt. Nun ist nur
noch von einem Instrument der Außenpolitik und von deutschen Interessen
die Rede.
Dafür wird die Bundeswehr im Eiltempo umgekrempelt. Transformation
heißt das Zauberwort.
Nicht mehr die klassischen Teilstreitkräfte stehen im Vordergrund,
sondern verschiedene Aufgaben bei gemeinsamen Militäraktionen
weltweit.
Die Eingreifkräfte mit rund 35.000 Soldaten sind für
Kampfeinsätze von kürzerer Dauer geplant. Die
Stabilisierungskräfte (70.000 Soldaten) für "Operationen
niedriger und mittlerer Intensität und längerer Dauer". Die
Logistik der Einsätze soll durch die Unterstützungskräfte
(147.500 Soldaten) organisiert werden.
Durch den Aufbau spezieller Hauptquartiere verschafft sich die
Bundeswehrspitze auch auf der Führungsebene die Fähigkeit für
weitere und umfangreichere Militäroperationen in verschiedenen
Konstellationen und ohne geografische Begrenzung.
In Ulm entsteht derzeit das "Kommando Operative Führung
Eingreifkräfte". Die volle Einsatzbereitschaft soll bereits im Sommer
2006 gemeldet werden. Während das Einsatzführungskommando der
Bundeswehr in Potsdam als "Generalstab" ein stationäres
Hauptquartier bildet (Operations Headquarter, OHQ), sollen die Ulmer ein
verlegbares Hauptquartier (Forces Headquarter, FHQ) für das jeweilige
Einsatzgebiet stellen. Sie sollen sowohl die EU-battle-groups führen, als
auch so genannte mittlere Operationen (ca. 18.000 Soldaten) und große
Operationen (60.000 Soldaten) kommandieren. Insbesondere ist das FHQ auf die
Zusammenarbeit mit zivilen Stellen, NGOs, EU-Behörden etc. eingestellt.
Auch vor Ort wollen die Militärs alles unter Kontrolle halten und sich
zwar ziviler Helfer bedienen, sich aber nicht von ihnen ins Handwerk pfuschen
lassen.
Peter Struck hat die Beschaffungs- und Ausrüstungsplanung der
Bundeswehr umgeschichtet, um das Geld voll in Waffen und Gerät für
Interventionseinsätze pumpen zu können.
Stück für Stück bekommt die Bundeswehr in den nächsten
Jahren neue Waffen und Ausrüstung in die Hand, um deutsche Interessen
weltweit militärisch durchsetzen und absichern zu können.
Häufig werden die Großprojekte der Bundeswehr nur unter dem
finanziellen Aspekt kritisiert. Der ist verheerend genug. Die 200 Waffen- und
Ausrüstungsvorhaben der Bundeswehr könnten sich im Lauf von zwanzig
Jahren leicht auf 140 Mrd. Euro addieren. Aber es handelt sich dabei nicht um
Industrieprojekte, die nach ihrer Produktion in die Ecke gestellt werden,
sondern um reale Machtmittel, die den deutschen Generalen tödliche Waffen
in die Hand geben.
Noch im Krieg gegen Jugoslawien 1999 klagten die deutschen Militärs
über fehlende Marschflugkörper. Den Angriffstakt bestimmten die
US-Militärs, während sich die deutschen Tornados auf
Unterstützungsdienste beschränken mussten.
Mit "MAW Taurus" bekommen die "Luftangriffskräfte"
der Bundeswehr nun die modernsten Marschflugkörper der Welt. "Im
gegenwärtig äußerst dynamischen strategischen Umfeld erscheint
es schwierig, sich eine sicherheitspolitische Ausrichtung Deutschlands
vorzustellen, in der offensive Luftmacht keine zentrale Rolle spielt",
heißt es in einer Militärbroschüre zum Taurus-Projekt. Als
Ziele, die mit dieser Waffe zu bekämpfen sind, werden darin
"Luftverteidigungs-Stellungen, Luftfahrzeuge am Boden und
Flugplatzinfrastruktur, Versorgungseinrichtungen, verbunkert oder
ungehärtet, Brücken, Schiffe im Hafen" ausgemacht. Eine
erstklassige Erstschlagswaffe mithin. 350 Stück davon werden bald zur
Ausrüstung von Tornados und Eurofightern gehören.
Mit dem Großraumtransportflugzeug Airbus A400M wird die Truppe ab 2011
ihre Möglichkeiten zu weltweitem Einsatz vervielfachen. Die bisherige
Transall kann 16 Tonnen militärische Last 1.200 km weit befördern.
Der Militär-Airbus fliegt mit 20 Tonnen 7.250 km nonstop. Zusätzlich
kann er in der Luft betankt werden. Er wird Soldaten, Panzerfahrzeuge und
Kampfhubschrauber in die künftigen Einsatzgebiete fliegen - und das
doppelt so schnell wie die Transall. 60 Maschinen werden in wenigen Jahren im
Dienst der Interventionsarmee Bundeswehr stehen.
Das System SAR-Lupe verschafft der Bundeswehrführung die Fähigkeit
zur weltweiten Spionage "ohne rechtliche oder geografische
Einschränkungen" (Strategie und Technik 9/2005). Der erste
Satellitenstart ist bereits für den 23. Februar 2006 vorgesehen. Dank der
strategischen Beziehungen zu Russland, wird der deutsche
Militärspionagesatellit vom Raumfahrtzentrum Plesetsk mit einer russischen
Rakete ins All geschossen. Das Gesamtsystem aus fünf Satelliten soll
Anfang 2008 einsatzbereit sein.
Mit den durch Satelliten, Drohnen und anderen Spionagemitteln gelieferten
Informationen und Daten, wird sich in außenpolitischen Debatten das
Gewicht der Militärs weiter erhöhen. Sie haben die Informationen
zuerst, werten sie aus, bereiten sie auf und können sie gegebenenfalls
zuspitzen.
Mit Galileo wird ab 2011 die Vorherrschaft der USA bei
satellitengestützter Navigation gebrochen. Im Unterschied zum
US-amerikanischen GPS wird Galileo gerne als rein ziviles Projekt angepriesen,
"welches aber durchaus eine militärische Nutzung ermöglicht und
zulässt", wie die bundeswehrnahe Zeitschrift "Strategie und
Technik" (Nr. 9/2005) vermerkt. Frankreich hat bereits beschlossen, seine
Truppen mit den entsprechenden Empfängern für Galileo
auszurüsten. Auch die Bundeswehrführung wird die Chance nutzen, die
der für "hoheitliche Aufgaben" reservierte Galileo-Dienst
bietet, um Truppen, Panzer, Kampfflugzeuge und Präzisionswaffen aus dem
All zu lenken und mit Zieldaten zu versorgen.
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Die neue Gliederung der Bundeswehr soll ab 2007/2008 dazu führen, dass
noch mehr Soldaten für den "Export von Sicherheit" in Marsch
gesetzt werden können. Bis dahin kann der Ehrgeiz der Generale und
Militärpolitiker nur auf rund 10.000 Soldaten für Auslandsoperationen
zurückgreifen.
Im Oktober 2006 wird die schnell verlegbare Kampftruppe der NATO (Response
Force) einsatzbereit sein. Bis 2007 sollen die dreizehn Schlachtgruppen (battle
groups) der Europäischen Union stehen. In beiden Kriegsinstrumenten stellt
die Bundeswehr wesentliche Truppenkontingente und nimmt Führungspositionen
ein.
Da ist es nur folgerichtig, dass "Verteidigungs"minister Struck in
den letzten Monaten jede Gelegenheit nutzte, die Öffentlichkeit auf tote
deutsche Soldaten vorzubereiten. Konsequenterweise wurde im Haushaltsentwurf
2006 das Budget für die "Überführung und Bestattung
verstorbener Soldatinnen und Soldaten" um 35 Prozent aufgestockt.
Im November 2001 presste Schröder mit Hilfe der Vertrauensfrage einer
knappen Bundestagsmehrheit die Beteiligung am sogenannten
"Antiterrorkrieg" (Enduring freedom) ab. Zum 3.900 Soldaten starken
Bundeswehrkontingent gehörten auch 100 Soldaten des Kommando
Spezialkräfte. Einen Monat später stimmte der Bundestag einem Einsatz
der Bundeswehr im Rahmen des ISAF-Kommandos in Afghanistan, zunächst
für sechs Monate, zu.
Seither operieren in Afghanistan zwei westliche Truppen arbeitsteilig. Die
US-Armee führt unter dem Operationsnamen "enduring freedom" den
Kampf gegen Taliban und "Terroristen", die ISAF-Truppe hat den
Auftrag, "die afghanische Regierung bei der Wahrung der Menschenrechte,
bei der Herstellung und Wahrung der inneren Sicherheit und bei der Auslieferung
humanitärer Hilfsgüter sowie der geregelten Rückkehr von
Flüchtlingen" (Homepage der Bundeswehr) zu unterstützen.
Der ursprünglich auf Kabul und Umgebung begrenzte Bundeswehreinsatz
wurde immer weiter ausgedehnt. Im Herbst soll nun voraussichtlich noch der alte
Bundestag über eine weitere Aufstockung des Bundeswehrkontingents von rund
2.200 auf 3.000 Soldaten zustimmen, um der militärischen Führung
"mehr Flexibilität" zu geben, wie es vielsagend heißt.
Beim Berliner Treffen der NATO-"Verteidigungs"minister Mitte
September drängten die USA auf die Zusammenlegung beider Truppen unter
NATO-Kommando. Die USA will im Frühjahr nach Berichten der "New York
Times" ein Fünftel ihrer 20.000 Soldaten aus Afghanistan abziehen.
Die Lücken sollen dann die NATO-Europäer füllen, die derzeit
rund 11.000 Mann in Afghanistan haben.
Während aus der CDU/CSU-Fraktion die amerikanischen Pläne
unterstützt werden, hatte Struck bislang eine Zusammenlegung mit Hinweis
auf den unterschiedlichen Charakter der Operationen und die bei Zusammenlegung
wachsende Gefahr für die Bundeswehr abgelehnt.
Beim Berliner Treffen war aber zu hören, dass das im Wesentlichen noch
eine Frage des Wahlkampfes sei. Dafür spricht, dass Struck im Vorfeld des
Treffens aus der Ablehnungsfront ausscherte und Frankreich und Spanien im Regen
stehen ließ. Er fand nun einen Vorschlag des NATO-Generalsekretärs
"für vernünftig", beiden Militäreinsätzen eigene
Kommandeure zu lassen, sie aber unter ein gemeinsames Oberkommando zu
stellen.
Die Bundeswehr wird damit noch tiefer in den Afghanistan-Krieg verstrickt,
als bisher. Dabei sind Freund und Feind unklarer denn je. Während es aus
Bundeswehr-Kreisen heißt, man wolle jetzt auch den Kampf gegen
Drogenkartelle aufnehmen (was Struck weiterhin dementiert, weil ein solcher
Einsatz nicht von einem Bundestagsmandat gedeckt wäre), arbeiten sowohl
die US-Militärs, als auch europäische ISAF-Offiziere mit den
Drogenbaronen der Nordallianz zusammen, solange die sich gegen die Taliban
stellen.
Inzwischen ist klar, dass seit Mitte Mai Soldaten des Kommandos
Spezialkräfte wieder in Afghanistan einsickern. Insgesamt sollen 106 Mann
abkommandiert worden sein. Schwerpunkt des Einsatzes ist das Grenzgebiet zu
Pakistan im Südosten Afghanistans. Dem KSK soll dort ein eigener
Verantwortungs-Sektor zugeteilt worden sein.
Anfang Juli berichtet der "Stern" unter Berufung auf Aussagen von
KSK-Soldaten, dass die deutsche Elitetruppe im Kampf gegen Drogenhändler
gezielt "Drahtzieher ausschalten, eliminieren" soll. Intensiv
geübt wurde die gezielte Tötung aus dem Hinterhalt.
Wenn sich bewahrheiten sollte, dass Deutschland Killerkommandos nach
Afghanistan schickt, wäre das ein schwerwiegender Verstoß gegen das
Völkerrecht.
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Wer den Anspruch erhebt, seine Interessen weltweit auch militärisch
durchzusetzen, kann sich Falle des Falles nicht mit langen Debatten aufhalten.
Immer raschere Parlamentszustimmungen für Auslandseinsätze der
Bundeswehr, das Fehlen einer antimilitaristischen Opposition im Bundestag,
"großzügige" Mandatsauslegung durch die Regierung,
Vorratsbeschlüsse und Geheimniskrämerei bewirken in der Tendenz eine
Entmachtung des Parlamentes und die Verlagerung der Entscheidungsgewalt
über Militäreinsätze hin zur Regierung oder in kleine,
unkontrollierte Regierungszirkel.
Mit dem sogenannten "Parlamentsbeteiligungs-Gesetz", das in
Wahrheit ein Parlamentsentmündigungsgesetz ist, wurde im Frühjahr
2004 der weltweite Einsatz von Bundeswehrsoldaten erleichtert. Für
Erkundungs- und Vorauskommandos ist jetzt kein Bundestagsbeschluss mehr
notwendig. Damit wird auch eine öffentliche Debatte über Sinn und
Hintergründe eines Einsatzes erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.
Es liegt auf der Hand, dass im Zuge der Aufstellung der schnellen
NATO-Eingreiftruppe und der EU-battle-groups versucht werden wird,
militärische Sachzwänge nach schnellem Handeln vorzuschieben, um
kritische Diskussionen und öffentliche Kontrolle weiter auszuhebeln.
Dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1994, das weltweite Einsätze
der Bundeswehr nur mit Zustimmung des Parlamentes erlaubt hatte, wird damit
Schritt für Schritt der Boden unter den Füßen weggezogen.
"Nach Clausewitz heißt Krieg führen, dem Gegner den Willen
aufzuzwingen", heißt es in einer Denkschrift des ehemaligen
Referenten für Sicherheitspolitik im Planungsstab des
Verteidigungsministeriums, Holger H. Mey. "Wenn nicht-westliche
Länder im Rahmen eines mit 'klassischen' Mitteln ausgetragenen
konventionellen Krieges kaum eine Chance gegen den 'Westen' haben,
dann führen sie den Krieg in Zukunft eben unkonventionell."
Die Bundeswehr begründet ihre Auslandseinsätze nicht zuletzt mit
dem "Kampf gegen den Terror". Dabei rechnet sie mit erhöhter
Terrorgefahr im eigenen Land, je stärker sie ihre Auslandseinsätze
ausdehnt. In der aberwitzigen "Logik" dieser Politik liegt es, wenn
jetzt insbesondere aus der CDU/CSU der Einsatz der Bundeswehr im Inneren auf
die Tagesordnung gesetzt wird. "Die Grundzüge der Bundeswehrreform,
die Struck gemacht hat, sind ja nicht falsch", erklärt Wolfgang
Schäuble im FAZ-Interview die Unterstützung für die Linie
weiterer Interventionseinsätze. Aber der CDU-Mann kann nicht verstehen,
warum "das, was wir im Kosovo machen", wir "hier in Deutschland
nicht machen" können. CDU/CSU wollen eine Grundgesetzänderung,
die es ermöglicht, dass künftig der Ministerpräsident eines
Landes auf die Bundeswehr für Einsätze im Inneren zurückgreifen
kann, "wie etwa in Amerika der Gouverneur auf die Nationalgarde".
Die Rüstungsindustrie hat das Thema Verbindung von
"äußerer und innerer Sicherheit" sofort begierig
aufgegriffen. Landauf, landab veranstaltet sie Seminare zur "Homeland
Security", um ihre Produkte an den Mann zu bringen. Konzerne wie der
europäische Rüstungsriese EADS haben bereits eigene
Geschäftsbereiche gebildet.
Die EADS will ihr militärisches Know-how bei Systemen für
Überwachung, Spionage, Kommunikation, Nachrichtenübermittlung und
Gefechtsführung für die innerstaatliche Anwendung kompatibel machen.
Man empfiehlt sich beispielsweise für Grenzüberwachung und die
"sichere Abwicklung von Großveranstaltungen - seien es
Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele".
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Bei den umfangreichen Beschaffungsvorhaben, die derzeit laufen und dem
angestrebten Ausbau von Interventionseinsätzen, steht über kurz oder
lang die Frage, wie das alles bezahlt werden soll. In Bundeswehrkreisen rechnet
man in den nächsten fünf bis acht Jahren mit ernsthaften
Finanzierungsproblemen. Entweder muss dann der Haushalt dramatisch erhöht
werden, was bei gleichzeitigem Sozialabbau zu weiteren Legitimationsproblemen
führen dürfte oder man muss neue Finanzierungsquellen
erschließen. In die letztere Richtung geht die zivil-militärische
Zusammenarbeit, die unter Scharping begonnen hat und inzwischen vom
Bekleidungswesen, über den Fuhrpark bis zu Gefechtsübungszentren
reicht.
Oberst Rössler vom Zentrum für Transformation der Bundeswehr sieht
eine international operierende High-tech-Armee nur dann als finanzierbar an,
wenn Privatwirtschaft und Bundeswehr noch stärker kooperieren.
Brigadegeneral Günter Schwarz, Leiter des Kompetenzzentrums Modernisierung
der Bundeswehr, sieht das Verteidigungsministerium als eine Art
"Holding" an, unter deren Dach alles von privaten Servicebetrieben
betrieben wird, was nicht zum direkten Kampfeinsatz gehört.
Bei der konsequenten Verfolgung dieser Linie, wird über kurz oder lang
auch die Frage von "Leihkriegern" oder Söldnern, wie sie die
US-Armee beispielsweise in einer Stärke von 15-20.000 Mann im Irak
einsetzt, gestellt werden. "Dass die Entwicklung (...) vor den Toren
Europas Halt macht", schreibt der Journalist Horst Weise in der
Militärzeitschrift "Europäische Sicherheit" (6/2005)
"ist kaum anzunehmen. Die Strukturen gleichen sich. Auch Europa will
Kriseneinsätze, trotz schrumpfender Verteidigungsetats. Wie soll die
Lücke geschlossen werden?"
Arno Neuber
Erschienen in "Marxistische Blätter", 5/2005
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