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23.4.2002
Arno Neuber

Abschied von Hilde Wagner

"Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht."
(Nikolai Ostrowski: Wie der Stahl gehärtet wurde)


Hilde Wagner
8.3.1924 - 13.4.2002

Wir wollen heute gemeinsam Abschied von Hilde nehmen. Ein kämpferisches, ein mutiges, ein erfülltes Leben ist zu Ende gegangen. Ein Leben, das dem großen Ziel der Befreiung der Menschheit von Krieg, Elend, Ausbeutung und Unterdrückung gewidmet war. Ein Leben, das nicht umsonst gelebt wurde, das so viele Spuren hinterlassen hat, das Kraft, Mut und Zuversicht gibt und denen als Wegzeichen dienen wird, die diese Fahne weitertragen werden.

Wenn ich an Hilde denke, wie ich sie in den letzten Jahren erlebt habe, dann fällt mir zuerst der Satz ein, mit dem sie zahllose Debatten über die Niederlage des Sozialismus und die politischen Perspektiven der Linken zusammenfasste:

So, wie es ist, bleibt es nicht!

Trotzig kam mir das vor nach 1990. Manchmal dachte ich, sie wollte uns Jüngere trösten. Ich musste erst begreifen, wie sehr dieser Satz einer tiefgehenden philosophischen und politischen Analyse und reichhaltigen Erfahrungen aus einem Leben in der kommunistischen Arbeiterbewegung entsprach.

So, wie es ist, bleibt es nicht!

Hilde hatte diesen Satz zum ersten Mal als junge Frau bei einer Geburtstagsfeier eines guten Freundes ihres Vaters gehört, bei der auch Bertolt Brecht anwesend war. Brecht war natürlich der Mittelpunkt der Feier, erzählte mir Hilde, und zu später Stunde rezitierte er einige Gedichte, darunter "Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy" - wofür der berühmte Dichter von der jungen FDJlerin heftige Kritik erntete, weil das Gedicht nicht zwischen den großen Nazibonzen und den kleinen Mitläufern differenzierte - und "Lob der Dialektik", dessen Sprache Hilde stark berührte, auch wenn sie nach eigenem Bekunden damals keine Ahnung hatte, was Dialektik ist. Aber das Gedicht ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

„Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.
Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.
Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.
Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden
Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut: Jetzt beginne ich erst.

Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:
Was wir wollen, geht niemals.
Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.

Wenn die Herrschenden gesprochen haben
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Ebenfalls an uns.

Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen
Und aus Niemals wird: Heute noch!”

Die Unterdrücker bekämpfen und die Beherrschten - wenn nicht heute, so doch morgen - zu den Siegern zu machen, war Hildes Tagewerk ein ganzes Leben lang.

Ihre Entscheidung, Kommunistin zu werden stand schon früh, schon in der Kindheit, in der Zeit des Faschismus, fest. Bereits als 8jährige hört sie die Genossen der KPD bei Besuchen bei ihrem Vater über Arbeitslosigkeit und die faschistische Gefahr reden. Sie hat nie vergessen, wie sie ihn 1932 für die Kommunistische Partei warben und wie der Vater mehr als einmal mit blutigem Kopf und Verletzungen an der Hand nach faschistischen Überfällen nach Hause kam; wie die Mutter weinte, weil kein Geld für einen Arzt oder einen neuen Anzug im Hause war; wie die Genossen in Grötzingen in jener Zeit eng zusammenrückten und sich gegenseitig halfen; wie bei illegalen Treffen, die als Familienabende getarnt waren, diskutiert und Flugblätter hergestellt wurden; wie der Vater von Nazi-Schergen verhaftet, aber wieder freigelassen werden musste; wie Freunde und Verwandte verhaftet wurden und nach Misshandlungen starben.

Als nach der Befreiung von Faschismus und Krieg der Vater von den US-Militärbehörden als Bürgermeister in Grötzingen eingesetzt wurde, wird Hilde ihm bald eine unentbehrliche Helferin.

Um zugelassen zu werden, müssen die Parteien nach 1945 ihr Programm, Statut und das Referat der Gründungskonferenz auf Englisch bei den Besatzungsbehörden einreichen. Hilde, die kein Englisch spricht, sitzt Nächte lang und übersetzt mit einem Englisch-Wörterbuch die KPD-Dokumente Wort für Wort. Mit Erfolg. Die KPD wird als erste Partei zugelassen. Und danach kommen die Sozialdemokraten. Und Hilde übersetzt auch ihre Dokumente. Zähneknirschend, wie sie nie zu betonen vergaß.

Wie oft haben wir diese Geschichte von ihr gehört? Wie oft saßen wir Jüngeren in ihrer Küche, am Tisch unter Karls Bild? Hilde hatte wieder einmal Unmengen von Piroggen gemacht, und wir hörten diese Geschichten, vom Jugendparlament in Brandenburg, von der FDJ-Landeskonferenz und der Demonstration in Durlach nach dem Verbot, von Hildes Reise nach China und ihrer Begegnung mit Ho Chi Minh, von Otto Niebergalls Wahlkampfauftritt vor falschem, nämlich CDU-Publikum, von der gelben, mit Alkohol gemischten Limonade beim Kolchosabend auf Delegationsreise in die Sowjetunion zu Perestroika-Zeiten. Für uns waren diese Erzählungen spannende Unterrichtsstunden in Geschichte der Arbeiterbewegung, in Strategie und Taktik, aus denen wir oft mehr Erkenntnisgewinn zogen, als aus dicken Büchern. Und sie waren eine Art Erkennungszeichen. Wer sie kannte, gehörte dazu.

Wenn Hilde erzählte, wurde Geschichte lebendig. In Kürze jährt sich zum 50. Mal jener 11. Mai 1952, als die große Friedenskarawane der Jugend in Essen gegen die Remilitarisierung demonstrierte, die Adenauer-Polizei auf die Teilnehmer einknüppelte und der junge Kommunist Phillip Müller von einem Polizisten hinterrücks erschossen wird. Hilde war mittendrin in der großen Demonstration, wurde von einem aufgehetzten Polizeischergen verprügelt, als sie einem Mädchen, das gestolpert war, aufhelfen wollte.

Hilde hat, getragen vom Vertrauen ihrer Genossinnen und Genossen, viele Funktionen in der kommunistischen Bewegung ausgeübt. In der Kreisleitung Karlsruhe der KPD ab 1946. In der FDJ. Im Landesvorstand der KPD. Im Demokratischen Frauenbund Deutschlands. Später als Kreisvorsitzende der DKP in Heidelberg, im Kreisvorstand in Karlsruhe, in der Marxistischen Arbeiterbildung (MAB) und bis in die letzten Jahre im Bezirksvorstand Baden-Württemberg der DKP.

Am stärksten aber lebt sie in unserer Erinnerung und in unseren Herzen als Lehrerin des wissenschaftlichen Sozialismus. Wir alle haben unendlich viel von ihrem Wissen und ihrer Fähigkeit, dieses Wissen anschaulich und begreifbar zu machen, profitiert. Wie viele haben bei ihr zum ersten Mal marxistische Philosophie und politische Ökonomie gehört, Marx, Engels und Lenin im Original studiert? Noch in ihren letzten Tagen lag ihr das Fernstudium der DKP besonders am Herzen, das sie in Karlsruhe zwei Jahre betreut hatte. Bundesweit hat sie ein Beispiel geschaffen, wie man diese für die DKP neue Form des Studiums organisieren muss, damit sie für die Teilnehmer zum Erfolg wird.

Mit Hilde zu diskutieren war immer ein Gewinn, ihre Erfahrungen ein Schatz für alle, die der Arbeiterbewegung verbunden waren. Man musste nicht immer ihrer Meinung sein, um aus einer Diskussion mit ihr klüger herauszugehen. Manchmal, wenn ich nach einer Debatte dachte, sie hätte allzu hartnäckig und unflexibel auf längst bekannten Standpunkten beharrt, musste ich kurze Zeit später erkennen, wie sie an den offenen Fragen weitergearbeitet hatte und bald den Diskussionsfaden wieder aufnahm.

Im Sommer des letzten Jahres kam ich nach Lektüre eines Buches mit für mich revolutionären neuen Erkenntnissen über Raum, Zeit und Materie etwas hochfahrend zu Hilde und stellte fest, dass sie das Buch längst kannte und mir darüber einen Vortrag halten konnte. Die marxistische Theorie war für sie kein abgeschlossenes Kapitel, sondern lebendige Wissenschaft, die ständig auf den neuesten Stand gebracht werden muss und sie tat das für sich mit ungeheurer Disziplin und Energie.

Hilde war Ratgeberin in allen Lebenslagen. Wer berufliche, politische oder persönliche Sorgen hatte - der ging zu Hilde. "Es gibt einen Mangel an Zeit", schreibt Erich Kästner,"der ist fast schon ein Mangel an Menschlichkeit". Hilde nahm sich immer Zeit, obwohl sie oft mit ihren Studien, mit Artikeln und Vorträgen, mit Zirkelvorbereitungen und Reden stark unter Druck war. Alle Generationen gingen bei ihr ein und aus. In den letzten Jahren hatte sich ihre Eckbank in eine Schatztruhe für Kinder verwandelt, aus der sie bei Besuchen immer Spielsachen zauberte, die oft auch als Geschenke mitgenommen werden durften.

Ihre tiefe Menschlichkeit, ihr Mitgefühl auch für die kleinen Sorgen des Alltags und ihre Hilfsbereitschaft, verbunden mit einem Geist, der um die Aneignung der großen literarischen, philosophischen und politischen Erkenntnisschätze der Menschheit rang - das hat uns an Hilde begeistert.

Wenn in unserer Partei nach 1990 die Rede davon war, wir hätten wegen des hohen Altersdurchschnitts der Mitglieder ein "Altersproblem", dann habe ich immer gedacht, dass wir ein ganz anderes Problem haben: Wie jung waren viele dieser sogenannten Alten wie Hilde Wagner, welche Ausstrahlungskraft übten sie auf Jugendliche aus - und wie alt wirkten dagegen manche, die an Jahren oft Jahrzehnte jünger waren.

Zu Hildes großen Leistungen gehört, wie sie das Werk ihres Mannes, unseres Genossen Karl Wagner pflegte und fortsetzte. 1990 hat sie nach langer, mühevoller Arbeit die Aufzeichnungen über Karls Leben beendet. In ihrem Buch "Der Kapo der Kretiner" wird Karls Kampf gegen den faschistischen Terror, für Solidarität und Menschlichkeit lebendig. In diesem Buch lebt auch Hilde fort. Ich erinnere mich sehr gut, mit welchen Schwierigkeiten seine Herstellung verbunden war. Hilde lernte mit 66 Jahren den Umgang mit dem PC und den Tücken der Microsoft-Produkte. Die Druckerei arbeitete schlampig, jedes fertige Buch musste einzeln durchgesehen werden. Das Buch erschien im Selbstverlag. Hilde wollte sich auf keine Verrenkungen und keine Kompromisse des Verlagsgeschäftes einlassen. Und sie hat es geschafft. Ich hoffe, dass dieses Buch in Zukunft neue Auflagen erleben und neue Leserinnen und Leser in seinen Bann ziehen wird.

Wie viele gibt es, die den Zweck ihres Daseins darin sehen, möglichst viele materielle Reichtümer anzusammeln? Und wie ärmlich und tot sind ihre Hinterlassenschaften, wenn sie aus diesem Dasein scheiden? Wie scheinbar bescheiden nimmt sich dagegen Hildes materielles Vermächtnis aus - aber wie groß sind die Schätze, die sie uns vermacht hat?

Die Erinnerung an eine mutige, kluge und gütige Genossin, Kameradin und Freundin.

Das Vorbild einer Kämpferin für eine bessere, eine sozialistische Zukunft.

Das Wissen, um die Veränderbarkeit der herrschenden Zustände und all die Taktiken, Strategien und Kniffe, die es dafür braucht.

Die Kraft, ihren Weg fortzusetzen und auch in Zeiten der Prüfung den Mut nicht zu verlieren.

Die Klugheit, in Zeiten scheinbaren Stillstandes, das Neue zu sehen und auf die Kräfte der Veränderung zu orientieren.

So, wie es ist, bleibt es nicht!

Mögen die Zeiten noch fern scheinen, wo der Mensch dem Menschen nicht mehr ein Wolf ist - wo Arbeit, Frieden und Solidarität die Prinzipien einer neuen Gesellschaft sein werden - diese Zeiten werden kommen.

Wir werden nicht aufhören, für sie zu streiten - und Hilde wird in unseren Kämpfen, in Siegen und Niederlagen, beim Trauern und Feiern bei uns sein!

© DKP Karlsruhe