








Gedanken zum Tod von Hilde Wagner
Das menschliche Leben ist eine Flamme. Sie verlischt eines Tages, plötzlich und unerwartet oder langsam und schmerzhaft. Doch zuvor mag sie müde geleuchtet haben, kaum Wärme gespendet - oder sie hat andere entzündet, hat einen Brand entfacht, hat dafür gesorgt, dass das Feuer weitergetragen wird, auch wenn diese einzelne Flamme nicht mehr ist.
Hilde Wagner
8.3.1924 - 13.4.2002
Hilde gehörte zu diesen. Wir in Heidelberg haben sie viele Jahre erlebt als unermüdliche Kreisvorsitzende der DKP und begeisterte Lehrerin der Marxistischen Arbeiterbildung.
Sie hat uns angesteckt, hat das Feuer in uns gelegt, hat gesorgt, dass wir die Glut mit Verstand hüten, wenn die Feuerlöscher der Resignation anrücken, der Wind der Verwirrung, die Wasser der Bequemlichkeit und Anpassung.
Wie jede Kommunistin und jeder Kommunist hatte sie nicht nur Freunde, auch in den eigenen Reihen. Aber wenn die, die sich im Guten an Hilde Wagner erinnern, zwei Eigenschaften nennen sollen, die für Hilde typisch waren, so sind dies Dinge, die wir selten bei Menschen zusammen antreffen: Güte und Kompromisslosigkeit.
Zu wenig konsequente Menschen sind gleichzeitig warmherzig, noch viel weniger weiche Menschen sind auch kompromisslos. Hilde verstand es, beides zu vereinen.
Vor wenigen Wochen sprach ich mit ihr. Sie wusste, wie es um sie stand und sah ihrem Tod mit heiterer Gelassenheit entgegen. Sie erwähnte eine Bemerkung von Friedrich Engels nach dem Tode seines Freundes Karl Marx: "Kaum lässt man ihn für ein paar Minuten allein, schon stirbt er!"
Wenn seine Zeit gekommen ist, kann ein Atheist gelassen und heiter gehen. Ihn erwartet kein Strafgericht, er muss keine Angst vor der Wiedergeburt als niedere Kreatur haben. Er war nicht auf die Krücke irgendeiner Religion angewiesen, um sein Leben zu bestehen.
Er hofft nicht, weil er handelt. Er glaubt nicht, weil er weiß.
Heitere Gelassenheit ist nicht zu verwechseln mit Fatalismus. Sie ist vielmehr, so scheint mir, die Voraussetzung für langen Atem, der Brunnen, aus dem wir Kraft schöpfen können zum Kämpfen.
Hilde wollte, dass auch wir die Flamme nicht traurig weitertragen, sondern heiter.
Hilde, das werden wir tun.
„Die Kraniche fliegen im Keil.
So trotzen sie besser den Winden.
So teilen sie besser die Kräfte, weil
die Starken fliegen im vorderen Teil,
und die Schwachen, die fliegen hinten.
Und kommen die Kraniche an
am Ziel ihrer Reise, so haben
die Starken die größere Arbeit getan
und loben die Schwachen hintenan,
die doch auch ihr Bestes gaben.
Dann essen die Kraniche Fisch,
soviel, wie Mägen verlangen.
Die Starken haben nicht mehr für den Tisch
als die Schwachen von glänzenden, silbernen Fisch
in den Teichen am Ziel sich gefangen.
Lasst uns wie die Kraniche sein.
Lasst uns unser Möglichstes geben -
die Starken in groß und die Schwachen in klein.
Und trinken am Abend den gleich teuren Wein
auf ein noch viel besseres Leben.”
DKP Karlsruhe