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Clara Zetkin

Clara Zetkin - Karlsruher Mairede 1913

Genossinnen und Genossen!

Die Maigedanken der arbeitenden Klasse können nicht die poetischen Maigedanken der Bürgerklasse sein, jene poetischen Maigedanken, bei denen wahllos, wahllos alle möglichen und unmöglichen Dichter geplündert werden. Sie stehen meist im Zeichen der Auffassung des Verses: 'Die Winterstürme wichen dem Wonnemond.' Für die Arbeiterklasse sind die Winterstürme noch nicht dem Wonnemond gewichen. Umgekehrt: die Arbeiterklasse steht heute mehr als je in einem scharfen, in einem harten Sturmgebraus, und der Wonnemond wird für sie nicht anbrechen, solange diese kapitalistische Gesellschaft der Ausbeutung und Knechtung der Menschen durch den Menschen besteht. Der Wonnemond kommt für die Arbeiterklasse erst dann herauf, wenn mit der Aufhebung des Privateigentums, wenn mit dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung alle Menschen frei und glücklich als Arbeiter nebeneinander wohnen und brüderlich miteinander wirken.

In unseren Tagen lenken die Zeitereignisse die Maigedanken des kämpfenden Proletariats mehr als je auf ihre großen, geschichtlichen Aufgaben, auf jene geschichtlichen Aufgaben, wie sie 1889, als in Paris die neue Internationale der sozialistischen und Arbeiterorganisationen zum ersten Mal wieder zusammentrat, vorgezeichnet und dem Weltfeiertag der Arbeiter als Inhalt gegeben worden sind. Im Kampf für diese Aufgaben haben unsere Maigedanken eine bestimmte Richtung. Unsere Maigedanken sind Forderungen von Reformen, die wir an die heutige Gesellschaft stellen. Unsere Maigedanken sind eine Kriegserklärung, eine Kriegserklärung der Todfeindschaft, die wir der bürgerlichen Gesellschaft als Ganzes in das Antlitz schleudern. Wenn wir im Zusammenhang bleiben wollen mit dem Geist, aus dem der Weltfeiertag der Arbeiter geboren worden ist, müssen unsere Maigedanken hinausschreiten unter die Ausgebeuteten, unter die Habenichtse, gerüstet, reisigen Streitern gleich, die darauf ausgehen, den Weg zu bahnen, den Weg offenzulegen, der zur Befreiung der Arbeiterklasse und mit ihr zur Befreiung der ganzen Menschheit führt...

In dem Mittelpunkt der Gruppe von Reformen, die wir in der Heimatpolitik des kapitalistischen Klassenstaates fordern, steht die Arbeiterschutzgesetzgebung, deren Grund- und Eckstein für uns der gesetzliche Achtstundentag bleiben soll. Die andere Gruppe von Forderungen stellt die Brüderlichkeit, die Solidarität aller Ausgebeuteten, aller Unterdrückten in den Vordergrund und gab ihnen die Losung:
Krieg dem Kriege, Kampf bis aufs Messer gegen den völkermordenden Militarismus und was dazugehört!
(Sehr richtig!)

Geehrte Anwesende! Gerade diese letzte Gruppe von Forderungen: Krieg dem Kriege, Kampf dem Kriege! ist durch die Zeitereignisse in den Vordergrund geschoben worden... Seit zwei Jahren, darf man sagen, zittern die Völker Europas davor, Hammelherden gleich an die Schlachtbank geschleppt zu werden. Seit zwei Jahren schwebt über den Völkern Europas die Gefahr des Weltkrieges....

Werte Anwesende! Die Tatsachen haben in letzter Zeit augenscheinlich gezeigt, was hinter der Kriegshetze und was hinter dem Treiben zum Weltkriege steht. Die Enthüllungen unseres Freundes Liebknecht im Reichstage haben ganz offiziell bestätigt, was seit langem ein Geheimnis ist, das die Spatzen von den Dächern pfeifen, nämlich daß das Rüstungskapital das Vaterland als die zu melkende Kuh betrachtet, die es mit Butter versorgt.
(Sehr richtig!)
Die Firma des Ehrenmannes Krupp
(Rufe: Pfui!),
über dessen Ehre seinerzeit ein deutscher Kaiser den Schild gehalten hat, diese Firma bemogelt seit Jahrzehnten das Vaterland!
(Rufe: Pfui!)
Diese Firma rüstet die ausländischen Feinde gegen das Vaterland. Erinnern Sie sich, daß beim internationalen Feldzug gegen China die deutschen Truppen von den chinesischen Soldaten mit den vorzüglichen Kanonenkugeln der Firma Krupp niederkartätscht worden sind. Es ist unwiderlegbar, daß alle die Lieferanten und Fabrikanten von Mordwerkzeugen, von Kriegsmaterial hinter den Rüstungen und der Kriegshetze stecken. 'Vaterlandslose Gesellen' hat man seinerzeit die Arbeiter gescholten, weil sie das Vaterland zum Erbteil aller machen wollten. Vaterlandslose Gesellen sind diejenigen, die das Vaterland zum Zwecke der Füllung ihres Geldsackes mißbrauchen.
(Bravo!) ...

Und noch eins: Die Produktivkräfte der kapitalistischen Ordnung haben sich so riesig entwickelt, daß die bürgerliche Gesellschaft in ihrem Fett zu ersticken droht, wenn nicht durch den Rüstungswahnsinn, wenn nicht durch den Völkermord menschliche Arbeitskräfte ausgeschaltet und vernichtet werden. Der Rüstungswahnsinn, der Völkermord, sie vollenden auf politischem Gebiete, was von Zeit zu Zeit die Krise blindwütig tut, nämlich die Vernichtung, die Vergeudung von Menschenleben und von Kulturwerten...

Der heutige christliche Staat erklärt den Arbeitern, er läßt es in den Schulen einpauken: Ihr sollt den Feiertag heiligen. Aber er hat nichts getan, damit allen Arbeitern auch nur der Feiertag gesichert sei. Er läßt den Unternehmern freie Hand, den Feiertag durch die Ausgebeuteten auf seine Weise durch die Arbeit entheiligen zu lassen. Nicht nur ist die Feiertagsruhe großen Massen der erwachsenen Arbeiter vorenthalten: nein, auch die Arbeiterinnen, die zum großen Teil doppelte Lastenträgerinnen sind, haben keine Feiertagsruhe. Solange der Sonnabend-Nachmittag nicht frei ist, solange der Sonnabend-Nachmittag von der Gesetzgebung nicht der Arbeiterin für ihre häuslichen Verrichtungen, für ihre mütterlichen Aufgaben zurückgegeben ist, solange ist der Sonntag für unsere Hunderttausende von Arbeiterinnen, von verheirateten Arbeiterinnen, kein Sonnentag, kein Freudentag, kein Tag der Sammlung, kein Tag der Erquickung. Er ist der große Scheuer-, Wasch- und Flicktag in der ganzen Welt.
(Sehr richtig!)

Werte Anwesende! Die christliche Gesellschaft erklärt wohl, daß ihr Stifter ausrief: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Die Unternehmer und die Agrarier aber setzen hinzu: zum Kartoffel buddeln, zum Rübenziehen, zum Hasentreiben, zum Heimarbeitleisten und anderen profitlichen Beschäftigungen mehr.

Werte Anwesende! An diese Dinge müssen wir uns erinnern, sie müssen in das Bewußtsein der arbeitenden Klassen eingebrannt sein, wenn sie sich am 1. Mai um den Maibaum des internationalen Proletariats sammeln. Am 1. Mai treten sowohl auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes, wie auf dem Gebiete der auswärtigen Politik die Anschauungen, die Interessen der beiden Nationen scharf einander gegenüber, in die jedes einzelne Volk in unseren Tagen auseinanderklafft...

Werte Anwesende! Deshalb treten am 1. Mai die Anschauungen der Ausbeutenden und der Ausgebeuteten scharf in Gegensatz zueinander. Aus der Weit des Kapitalismus, aus der Welt der Bourgeoisie tönt es den Arbeitern entgegen: Du sollst töten, Du sollst Deinen Bruder jenseits anders angestrichener Grenzpfähle töten, Du sollst auch Vater und Mutter töten, wenn unser Profit das fordert und wenn der oberste Kriegsherr das befiehlt.
(Rufe: Pfui)

Aber, verehrte Anwesende, auf dieses Zwangsgebot des Kapitalismus: 'Du sollst!' antwortet die Arbeiterklasse am 1. Mai: Ich will nicht! Ich will nicht leben um zu arbeiten, ich will arbeiten, um zu leben, um menschenwürdig zu leben, um kulturwürdig zu leben. Ich verlange, daß Deinem Profit, daß Deinem Interesse so viel von meiner Kraft durch den gesetzlichen Arbeiterschutz entzogen wird, daß ich als Mensch, als Staatsbürger, als Glied der Familie zu existieren vermag. Ich will nicht unter Bedingungen arbeiten, die mein Weib und mein Kind der Vernichtung anheimgeben.

Ich will nicht töten. Ich will nicht töten den Bruder in einem fremdsprachigen Lande, der gleich ausgebeutet ist wie ich, der, gleich kämpfend wie ich, sich zum Ansturm gegen die bürgerliche Ordnung anschickt... Mein Vaterland ist nicht beschränkt durch den Gelddurst der besitzenden und ausgebeuteten Klasse. Mein Vaterland werde ich mir selbst schaffen, das werde ich erringen, indem ich es von Ausbeutung und Druck befreie...

Die Gesellschaft zu verändern aus der Gesellschaft der Ausbeutung und Knechtung der Menschen durch den Menschen in die Gesellschaft freier Arbeiter, das ist die Aufgabe der Arbeiterklasse. Ihr widmen wir uns mit Herz und Seele am 1. Mai!
(Lebhafter anhaltender Beifall)


Aus der Mitschrift des Polizeispitzels, GLA 357/24-071
Veröffentlicht in "100 Jahre 1. Mai in Karlsruhe", DGB Karlsruhe, 1990


1.5.1913

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