Aktion "Hartz-Schluss"
Der bundesweite Aktionstag vom 5.9.2005 -
Kundgebung auf dem Marktplatz in Karlsruhe
Redebeitrag von Arno Neuber,
Friedensbündnis Karlsruhe:
Liebe Freundinnen und Freunde,
Wer wissen will, wie Rüstung und Sozialabbau, militärische
Aufrüstung und soziale Abrüstung zusammenhängen, dem sei ein
Papier des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) empfohlen. Es wurde
unter dem Titel "Für ein attraktives Deutschland - Freiheit wagen -
Fesseln sprengen" am 4. Februar 2004 an Kanzler Schröder
überreicht.
Darin heißt es: "Um insbesondere die staatlichen Investitionen
für Verkehr, für die Zukunftsaufgaben in Bildung und Forschung und
für Verteidigung deutlich zu steigern, müssen die konsumtiven
Ausgaben des Staates drastisch reduziert werden. Das betrifft neben den
Sozialausgaben und den Subventionen auch die Personalausgaben des
Staates."
Auf den Punkt gebracht, bedeutet das: Der Staat soll sich um die
Rüstung und das Wohlergehen des Kapitals kümmern. Sozialausgaben
müssen dafür gekürzt, Vergünstigungen für
Beschäftigte gestrichen, Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst
abgebaut werden.
"Der Staat ist für die Menschen (da) und nicht die Menschen
für den Staat da", heißt es bei Einstein und der Satz
hängt sogar als Transparent zum Einsteinjahr am Bundestag. Tatsache ist
aber etwas anderes. Der Staat ist für das Kapital da, nur finanziert
werden soll er von den Menschen.
Es stimmt nicht, dass der Sozialstaat nicht mehr finanzierbar sei oder dass
für Bildung und Soziales kein Geld mehr da ist. Die Frage ist, in wessen
Taschen das Geld fließt und wozu es verwendet wird.
Da gilt für den Euro das Gleiche, wie einst für die Mark: Man kann
ihn nur einmal ausgeben. Für neue Waffen oder für die
Gesundheitsvorsorge, für Militärtransporter oder für
Krankenwagen. Deshalb trifft ein Transparent den Nagel auf den Kopf, das bei
vielen Aktionen zu sehen war:
"Bewaffnet bis an die Zähne, aber kein Geld für
Zahnersatz!"
Rüstung schafft keine Arbeitsplätze, sie vernichtet sie. Bei
gleichem Kapitaleinsatz könnte man in zivilen Bereichen wesentlich mehr
Arbeitsplätze schaffen.
In unserem Land mangelt es an Bildungseinrichtungen mit dem entsprechenden
Personal, am öffentlichen Nahverkehr, am sozialen Wohnungsbau mit den
entsprechenden Arbeitsplätze. Hier könnte mit den Mitteln, die durch
Abrüstung frei werden, investiert werden.
Rüstung ist eine gigantische Verschwendungsbranche. Die Kosten für
Forschung und Entwicklung sind 8-10 mal so hoch, wie bei einem vergleichbaren
zivilen Produkt.
Wer vom Energiesparen und vom 3-Liter-Auto spricht, darf nicht vom 600-Liter
Panzer und vom 5.000 Liter Kampfflugzeug schweigen. So viel Diesel, bzw.
Kerosin verbraucht ein Leopard 2 und ein Phantom nämlich pro Stunde.
Abrüstung, die Umstellung von militärischer auf zivile Produktion
schafft Arbeitsplätze und hat auch ökologische Aspekte.
Die Bundesregierung hat für den Haushalt 2006 einen Rüstungsanteil
von 24 Mrd. Euro geplant. Das sind 350 Millionen mehr als in diesem Jahr. Man
beachte: Der offiziell ausgewiesene Rüstungshaushalt ist nicht die ganze
Wahrheit. Rüstungsausgaben nach NATO-Kriterien sind beispielsweise um ein
Viertel höher. Im Bundeswehrplan ist bis 2010 eine Steigerung auf 26,1
Mrd. vorgesehen. Allein die Ausgaben für die direkte Beschaffung von
Waffen sollen um 50% von 4 Mrd. auf 6 Mrd. Euro gesteigert werden.
Pikantes Detail: Die Ausgaben für die "Überführung und
Bestattung verstorbener Soldatinnen und Soldaten" werden im nächsten
Jahr um 35% höher sein, als dieses Jahr.
Wer sich die Bundeswehrpläne ansieht, findet mehr als 210
Beschaffungsvorhaben, die insgesamt über 110 Milliarden Euro verschlingen
werden. Und da geht es nicht etwa um die Sicherheit oder die Verteidigung
Deutschlands - da geht es um Militärinterventionen, um schnelle Verlegung
von Waffen und Soldaten an jeden Ort der Welt, um dafür notwendige
Satellitenkommunikation, um Erstschlagswaffen wie Marschflugkörper, um
Spionagesatelliten und um Panzer, die per neuem Militärtransporter
weltweit einsetzbar sind.
Da wird geklotzt, nicht gekleckert. Geld spielt offenbar keine Rolle, wenn
gleich 60 Transportflugzeuge Airbus A400M für 8,3 Mrd. Euro beschafft
werden oder wenn es 180 Eurofighter zum Stückpreis von rund 140 Millionen
Euro sein müssen.
Ökonomisch ist Rüstung dasselbe, "als wenn die Nation einen
Teil ihres Kapitals ins Wasser würfe", wusste schon ein gewisser Karl
Marx.
Weil für Milliarden nichts produziert wird, was einen wirklichen
Gebrauchswert hat.
Allerdings sind es die Milliarden der Steuerzahler, von denen wir hier
reden. Und rausgefischt werden sie von einigen wenigen
Rüstungsproduzenten, die davon sehr gut leben.
So melden die deutschen und europäischen Waffenschmieden wie
Rheinmetall, Diehl oder EADS Rekordgewinne.
Weil es mächtige Interessengruppen gibt, die von Rüstungsausgaben
profitieren, ist es schwierig, eine andere Prioritätensetzung
durchzusetzen. Eben Arbeitsplätze, Gesundheitsvorsorge und Bildung statt
weltweite Kampfeinsätze, Interventionsarmeen und immer neue Waffen.
Aber es ist notwendig.
Und letztlich sollten Millionen stärker sein als
Rüstungsmillionäre.
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